Kommentar der anderen: That's Marketing

22. August 2006, 18:40
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Oder: Wie ich einmal fast bei der SS gewesen wäre - von Egyd Gstättner

Also passen Sie auf", erklärte mir mein Manager, "die Sache läuft so: Heuer erscheint kein neues Buch von Ihnen, also können Sie schweigen, vor allem zu brisanten Dingen. Aber wenn nächstes Jahr am 1. September Ihr neues Buch kommt, dann lassen Sie so um den 1. August herum verlauten, dass Sie seinerzeit Mitglied bei der SS waren. Ja, ausgerechnet Sie! Faseln Sie irgendwas von ,nachwachsender Scham' daher, das ist altes bachmannpreiserprobtes deutsches Dichtergewäsch. Oder Sie sagen: 'Wer richten mag, der möge richten': Ein Satz von messianischer, mehr noch: thomasmannscher Grandezza.

Thomas Mann würde sich freilich im Grab umdrehen. Aber hat ihn nicht Tucholsky das ,sanfte Arschloch' genannt? Lassen wir das Adjektiv diesmal weg.

Manche werden Sie freilich scharf kritisieren, meinen, dass Sie sich Ihre ganze Karriere erschlichen haben und sich fragen, wie man gerade als Gewissen der Nation so lange zu eigenen Gewissenlosigkeiten schweigen kann. Aber andere werden Sie verteidigen und Hochachtung bekunden, dass Sie am Ende reinen Tisch gemacht haben.

Auf alle Fälle kommen Sie ins Gerede, und wenn am 1. September Ihr Buch auf den Markt kommt, das man jetzt besonders genau lesen, vor allem aber schnell kaufen muss, egal ob man Antifaschist, Antisemit, Bissifaschist oder was auch immer ist, sind Sie in aller Munde. Das Timing ist entscheidend! Öffentliche Debatten, grassierende Diskurse, Exklusivinterviews. Das gesamte deutsche Feuilleton schnappt über und kommt in Rezensiergeiselhaft. Am Sonntag können Sie den ganzen Bahnhofskiosk leer kaufen und werden nur über sich lesen. Und siehe da: Noch nicht einmal erschienen, sind Sie schon Nummer eins der Bestsellerliste! Ihr Buch allein hätte das nie und nimmer geschafft. Bedenken Sie den 70- Millionen-Hoffnungsmarkt!"

"Aber", gebe ich zu bedenken, "ich bin doch erst 15 Jahre nach dem Krieg geboren!" "Ups", sagt der Manager, "jetzt hab ich Sie mit einem Kollegen verwechselt. Aber macht nichts. Die späte Geburt outen Sie einfach beim übernächsten Buch. Das wird der Hammer!" - "Aber ich hab den Dienst an der Waffe generell verweigert. Hab das BH verweigert, hab alles verweigert, was man mir an Unzumutbarkeiten zumuten wollte!"

"Na hören Sie, mit der Masche verkaufen Sie aber nichts. Da müssen Sie sich einen anderen Agenten suchen. Sie müssen ein Schwein sein, das zieht! That's Marketing!"

"Wie wär's", frage ich, "als Alternative mit einem klitzekleinen Perversiönlein? Oder mit einem Affärchen, sagen wir mit Monica Belluci?"

"Ja", sagt der Manager, "das ginge auch. Einmal hat das sogar bei Peter Handke geklappt, auch wenn mir die Geschichte ziemlich unglaubwürdig vorgekommen ist. Ich werde mal mit dem Management von Belluci verhandeln. Aber das kann teuer werden. Und die SS-PR verkaufe ich der Konkurrenz!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 8. 2006)

Egyd Gstättner, Schriftsteller, lebt in Klagenfurt.
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