Touristen mit Triebleben

20. Juni 2000, 20:05

Hooligan, wer bist du? - UEFA, wo lebst du?

Man muss wohl allen Engländern die Reisepässe wegnehmen; anders gibt es keine Sicherheit. Denn von den vielen Hundert britischen Randalierern, welche die belgische Polizei am Wochenende verhaftete, war nur eine Handvoll als Hooligans behördenbekannt. Die große Mehrheit führt ein stilles Leben und geht ordentlicher Arbeit nach - als Anwälte, Buchhalter, Versicherungsmakler, Banker, Sanitäter oder sogar Feuerwehrleute.

Dies, und nicht der Krawall als solcher, stellt das große Rätsel dar, an dem sich Fußballfans, Gesellschaftskritiker und Sicherheitspolitiker jetzt gleichermaßen vergeblich abarbeiten. Wenn nämlich die notorischen Gewaltausbrüche der Schlachtenbummler (sic!) nicht einfach einer sozialen Randgruppe zuzuschreiben sind, sondern mitten aus der Mittelklasse kommen, dann greifen die bisher vorgebrachten Erklärungen und Rezepte zu kurz. Es handelt sich vielmehr um ein Rollenspiel, wie es die Engländer besonders lieben.

Wahre Motive

In der Tat gehört der Wunsch des Andersseins zu den tiefenpsychologischen Konstanten der englischen Kultur. Während die Deutschen für ihren Identitätsfimmel weltbekannt sind und ängstlich darauf achten, sie selbst zu sein oder zu werden, wollen die Engländer das genaue Gegenteil: Sie möchten gern aus ihrer Haut fahren und Theater spielen.

Nun besteht in einem Land, wo Parlamentarier und Richter in gepuderten Perücken auftreten und tausendundein Zeremoniell das öffentliche Leben prägen, zum Theaterspielen reichlich Gelegenheit, doch das wahre Spiel strebt nach Transgression, es hat die Tendenz, sich über alle Regieanweisungen hinwegzusetzen. Dieses Moment des Aus-der-Rolle-Fallens, sei es zum Zweck gezielter Provokation oder auch nur aus jäher Lust, ist ein Grundbestandteil englischer Mentalität.

Es gibt eine regelrechte Tradition mehr oder weniger kontrollierten Ausrastens; man sieht es auch daran, wie die Gesellschaft mit denen, die gerade aus der Rolle fallen, umgeht: Sie werden toleriert und im Zweifelsfall als Exzentriker respektiert.

Für die Gewalttäter im Fußballrausch gilt das natürlich nicht. Doch subjektiv stützen sie sich auf die englische Kultur des Ausnahmezustands, die nichts anderes ist als die seelische Kehrseite einer virtuosen Gefühlsrepression, die als "stiff upper lip" zu einem Markenzeichen von Englishness schlechthin wurde.

Hinzu kommt aber, dass Gewalt unter dem Horizont englischer Denkungsart keineswegs verächtlich ist. Die hohe Akzeptanz von UNO-oder Nato-Kriegseinsätzen bei der Bevölkerung zeigt jedes Mal, dass hier nicht nur politische Überlegungen, sondern auch mentale Dispositionen wirken. Zweischneidig, wie alle diese Dinge sind, kennen die Engländer beispielsweise kaum jenen Reflex des ängstlichen Wegschauens, den man, wenn es brenzlig wird, in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern antrifft. Englische Zeitungen sind voll von Berichten über Leute, die sich gegen Räuber und Vandalen zur Wehr gesetzt und dabei ihr Leben gelassen haben. Gewalt ist hier nicht nur ein Mittel zur Durchsetzung des Rechts, sondern auch ein Risiko: dann nämlich, wenn das zur Verfügung stehende Potenzial nicht unendlich groß ist und es deshalb zu einem echten Kampf kommt.

Falsche Hoffnungen

Der Kampf allerdings gilt in England seit jeher als Lebensform. Dies und das Bedürfnis nach exzessiven Entladungen im Sinn des Aus-der-Rolle-Fallens treiben reisende Mittelständler an, nach Ablegen der Krawatten und Genuss belgischen Bieres der Welt jenes scheinbar unverständliche Kontrastprogramm zu dem modernen, coolen, kreativen Großbritannien zu bieten, das sich in letzter Zeit unseren kulturellen Vorstellungen eingeschrieben hat.

Das Beängstigende daran besteht in der Verbundenheit aller Phänomene: Wie schön und einfach wäre es, wenn man die Hooligans als gesellschaftliche Randfiguren abtun und ihnen die Reisepässe wegnehmen könnte.

Das hat den ohnehin höchst euroskeptischen Engländern übrigens gerade noch gefehlt: Dass eine europäische Institution, in diesem Fall der Fußball-Dachverband UEFA, sie anweist, ihre antiquierten Vorstellungen von staatsbürgerlicher Freiheit kurzerhand auf das Maß deutscher Polizeivorschriften zu bringen. Genau dies steckt nämlich hinter den Querelen um die aus den Vorfällen der letzten Tage zu ziehenden Konsequenzen. Das Land, wo trotz New Labour immer noch ein Klassensystem wie nirgends sonst herrscht und wo der bloße Akzent beim Sprechen eine millimetergenaue soziale und geographische Einordnung der Menschen erlaubt, dieses Land muss sich den Luxus leisten, weiterhin auf Meldeämter zu verzichten.

Burkhard Müller-Ullrich ist Kulturjournalist in Köln.

Warum die Engländer so gerne Ärger machen und wie man die "Rowdys" sicher nicht in den Griff bekommt. Von Burkhard Müller-Ullrich.
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