Menasse: "Grass ist glaubwürdig"

14. August 2006, 12:31
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"Das größere Problem bei der Geschichte", so Menasse, "habe ich eigentlich mit den Selbstgerechten wie Walter Kempowski"

Wien - Der Wiener Autor Robert Menasse (zuletzt: Die Vertreibung aus der Hölle) nimmt Günter Grass nach dessen Offenlegung seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft gegen laut werdende Anwürfe demonstrativ in Schutz: "Das größere Problem bei der Geschichte", so Menasse, "habe ich eigentlich mit den Selbstgerechten wie Walter Kempowski." Der hatte wissen lassen, dass Grass' Geständnis "ein bisschen spät gekommen sei".

Menasse: "Wer als 17-Jähriger talentiert und sensibel ist, obendrein von zu Hause weg will, der ist sehr leicht für alles Mögliche verführbar. Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS wäre doch nur dann unentschuldbar, wenn er später starrsinnig darauf bestanden hätte, das Richtige getan zu haben. Wenn er, mit einem Wort, in dem Geist von damals weitergelebt hätte."

"Nachvollziehbar"

Dagegen hätte Grass ein produktives Werk abgeliefert, "das gegen diesen ganzen Sachverhalt einsteht", so Menasse: "Grass' Begründung, die Scham hätte ihn von einem früheren Bekenntnis abgehalten, erscheint mir glaubwürdig und nachvollziehbar. Das kann man doch bewundern: Dass ein alter Mann sagt: Ich habe einen Fehler gemacht."

Ob Grass mit einem früheren Eingeständnis den Literaturnobelpreis riskiert hätte? Menasse: "Ich weiß keine Antwort auf geschichtshypothetische Fragen. Hätte ihn die U-Boot-Waffe genommen, stellte sich die Frage gar nicht." (Ronald Pohl /DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2006)

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