Als Bursch im Kreis der Elitemörder

13. August 2006, 18:37
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An Günter Grass' überraschendem Bekenntnis scheiden sich die Geister: Taugt der Nobelpreisträger jetzt noch als moralische Instanz?

Berlin/Frankfurt - In dem kleinen ostdeutschen Ort Spremberg fand im Juli 2004 eine kontroverse "Geschichtsstunde" statt. Antifaschistische Demonstranten hatten sich eingefunden, weil sie ein Treffen von Veteranen der Waf- fen-SS-Division "Frundsberg" nicht unwidersprochen lassen wollten. In der brandenburgischen Lausitz hatten 1945 bis in die letzten Kriegstage erbitterte Kämpfe gegen die Rote Armee stattgefunden. Ein rechter CDU-Politiker schlug noch in den 90er-Jahren vor, dafür einen Gedenkstein mit der SS-Parole "Unsere Ehre heißt Treue" aufzustellen.

Das "Bündnis gegen Geschichtsrevisionismus" sah sich veranlasst, gegen derlei "Heldengedenken" öffentlich vorzugehen, und eine Totenwache der letzten überlebenden "Elitemörder" Hitlers für ihre Kameraden nicht ungestört hinzunehmen. Der Vorfall zeigt, wie umstritten die deutsche Geschichtspolitik an konkreten Orten immer noch ist. Günter Grass, der zu Fragen der Vergangenheitsbewältigung immer wieder ausführlich Stellung genommen hat und vor allem in den Romanen seiner Danziger Trilogie den Krieg und den Nationalsozialismus literarisch verarbeitet hat, hätte zu den Vorfällen in Spremberg ein privilegiertes Äußerungsrecht gehabt.

Er gehörte nämlich selbst der SS-Division Frundsberg an, wie er am Samstag in einem überraschenden FAZ-Interview eingestand. Er nahm in diesem Gespräch wichtige Passagen aus seiner im September erscheinenden Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel vorweg - das späte Geständnis des Nobelpreisträgers erscheint unter diesem Gesichtspunkt auch als spektakulärer Marketing-Moment. "Das musste raus, endlich", so begründet er sein Geständnis.

Grass schildert in Formulierungen, die viele Details offen lassen, wie er sich als Fünfzehnjähriger freiwillig "zu den U-Booten" meldete, wie er stattdessen 1944 zur Waffen-SS eingezogen wurde und bei dieser auch von ihm als "Eliteeinheit" empfundenen Truppe in Dresden vor allem "Hundsschleiferei" erlebte.

Bisher galt für diese Jahre seiner Biografie, er wäre als Flakhelfer zum Einsatz gekommen - als typischer Vertreter dieser Generation der letzten Kriegsteilnehmer. Was im Interview vage bleibt, könnte der ausführliche Text der Autobiografie genauer erschließen - aber auch dort ist das Geständnis "nicht mehr als eine Stelle", wie der Kritiker Gregor Dotzauer schreibt.

Eine Überlegung zu den Gründen des Schweigens, eine Konfrontation der in den Nachkriegsjahren erworbenen moralischen Position mit der persönlichen "Schande" (Grass), enthält das ausführliche Gespräch nicht. Aber schon die wenigen Sätze zum Thema haben ausgereicht, um die deutsche Öffentlichkeit zu spalten. Der Historiker Arnulf Baring zollt der "Selbstüberwindung" von Grass Respekt: "Grass hat immer betont, wie unvollkommen die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland sei. Er muss sich dabei halb bewusst immer selbst im Auge gehabt haben."

Scharf die Reaktion des Historikers Michael Wolffsohn: "Der Wahrheitströpfler Grass hätte 1985 eine goldene Gelegenheit gehabt, seine Waffen-SS-Mitgliedschaft einzuräumen. Damals diskutierten Deutschland und die Welt heftig über den Bitburg-Besuch von Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Reagan. Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass' moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet."

Verständlich die Reaktion des Biografen Michael Jürgs, der sich auf ausführliche Selbstauskünfte von Grass bezogen und dem Autor dessen bisher gültige Version der Kriegserlebnisse abgenommen hatte: Jürgs sieht "das Ende einer moralischen Instanz" gekommen. Das Eingeständnis von Grass beschämt aber nicht nur seine Biografen. Es wirft auch ein interessantes Licht auf sein literarisches Werk. Vor allem seine Novelle Katz und Maus verdient eine Neulektüre. Hier steht der 16-jährige Mahlke im Mittelpunkt, der einem U-Boot-Kommandanten das Ritterkreuz stiehlt und später (wie Grass selbst) zum Reichsarbeitsdienst einberufen wird.

Das Spiel der Perspektiven bekommt durch die neue Faktenlage ein anderes Gewicht. Aber auch manche Formulierung aus seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung klingt nun ein wenig schal: "Hell ausleuchten, ans Tageslicht wollte ich das Verbrechen." Grass hat keine Verbrechen begangen, aber seine jugendliche Wahrnehmung des Nationalsozialismus verdient noch eine genauere Erörterung, als es in der ersten Überraschung über dieses späte Manöver der privaten Vergangenheitsbewältigung möglich ist. Vielleicht wäre ein Canossagang nach Spremberg ja eine Idee. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.8.2006)

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    Günter Grass 2001, anlässlich der Präsentation seiner literarischen Geschichtensammlung "Mein Jahrhundert" in Berlin: das Ende einer moralischen Instanz?

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