"Phänomen, das keine Gesellschaft erlebt hat"

6. August 2006, 20:12
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Für den Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio ist Japan eine alternde, aber erfolgreiche Gesellschaft, weil Babys und die Alten nicht früh sterben

STANDARD: Warum altert Japan schneller als andere Industrienationen?

Coulmas: Das liegt daran, dass die Alten älter werden und die Jungen keine Kinder mehr kriegen - und dass beides gleichzeitig passiert. Außerdem fressen sie sich nicht zu Tode oder gehen nicht locker mit Schusswaffen um wie in den USA. Jedes macht für sich nur ein paar Prozentpunkte aus, aber in Summe leben die Menschen eben länger.

STANDARD: Ist Japan strukturell darauf vorbereitet?

Coulmas: Auf eine derartige Entwicklung konnte es gar nicht vorbereitet sein, weil das Phänomen bisher noch keine Gesellschaft erlebt hat. Man konnte nicht ahnen, dass eine stark steigende Lebenserwartung mit der Abneigung, Kinder zu bekommen, zusammenfallen würde. Davon sind sämtliche Industriestaaten betroffen, aber in dem hohen Ausmaß ist es für Japan spezifisch. Deutlich muss man sagen, wenn es eine Gesellschaft schafft, ihre Babys nicht sterben zu lassen, und ihre Alten auch nicht, dann ist es wohl eine sehr erfolgreiche Gesellschaft.

STANDARD: Wie kann man diese Gleichzeitigkeit von Altern und weniger Kindern erklären?

Coulmas: Das ist es ja, man kann es noch nicht erklären. Wenn man noch immer wie 1945 vier Kinder pro Familie hätte, wäre die Gesellschaft jünger. Die heutige Konsumgesellschaft ist wohl in gewissem Maß kinderfeindlich.

STANDARD: Kann Japan als Vorbild für andere Industrienationen dienen, wie man mit dem Phänomen Überalterung und geringe Geburtenraten umgeht?

Coulmas: Es ist umgekehrt. Man hat hier stark die Neigung, sich in Europa umzuschauen und Frankreich oder Schweden als Modell zu nennen. Selbst wenn Japan einen guten Weg finden würde, schaut hier niemand her. Japan hat ein hohes Medianalter von derzeit schon über 40, in absehbarer Zeit wird es 50 sein. Die statistische Lebenserwartung liegt schon über 80 Jahre. Das ist außerordentlich interessant, weil damit erstmals ausreichend Daten über alte Menschen vorhanden sind. Hier gibt es 30.000 über 100-Jährige.

STANDARD: Frauen sollen vermehrt in den Arbeitsmarkt zurückgeholt werden und die fehlenden Kräfte ersetzen - geht sich diese Rechnung aus?

Coulmas: Das weiß niemand. Auch nicht, wie die Leute auf die neue Regierungspolitik, arbeitende Frauen mehr zu unterstützen, reagieren werden. Aber die japanische Regierung wird Ihnen sicher sagen, wir gehen den richtigen Weg.

ZUR PERSON:

Professor Florian Coulmas wurde 1949 in Hamburg geboren und lebt seit Jahren in Japan. Er ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien, wo er den Forschungsschwerpunkt "Herausforderungen des demografischen Wandels" etabliert hat. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

  • Florian Coulmas; Direktor DIJ Tokio.
    foto: standard/waldbrunner

    Florian Coulmas; Direktor DIJ Tokio.

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