Der Glaube an das eigene Werk

3. November 2006, 10:23
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Chopard ist für luxuriöse Damenuhren und Schmuck bekannt - Neuerdings konzentriert man sich auch auf Herrenuhren

Die Geschichte von Chopard beginnt 1860 im Westschweizer Jura mit dem 24-jährigen Louis Ulysse. 1963 stand sein Enkel Paul André, 80, vor einer schweren Entscheidung. Keiner seiner Nachkommen wollte ins schwierige, von ständigen Wechselbädern gekennzeichnete Uhrengeschäft einsteigen. Zum Glück gab es die deutsche Familie Scheufele aus Pforzheim, die einen ersten beherzten Sprung ins kalte Wasser wagte und die Traditionsmarke übernahm. 1996 sprang sie erneut und machte Chopard zu einer echten Manufaktur mit eigenen Mechanik-Kalibern.

Spiritus rector dieses ambitionierten Unterfangens war und ist Karl-Friedrich Scheufele, 46, ein ausgewiesener Oldtimer- und Mechanikfreak. "Das war eine Knochenarbeit und gleichzeitig eine ziemlich große finanzielle Belastung, aber unter dem Strich gesehen hat es sich gelohnt" - in Fleurier eine modernst ausgestattete Werkefertigung zu installieren, die heute 103 Fachkräfte unterschiedlichster Ausbildung beschäftigt und "bestimmt 70 Prozent der Uhrwerkskomponenten selbst fertigt. Die Hauptbestandteile werden bei uns gemacht, andere Teile, wie zum Beispiel Schrauben oder Zahnräder, werden aus Kostengründen hinzugekauft. Es lohnt sich schlicht nicht diese herzustellen, denn damit würde der Stückpreis des Uhrwerkes unnötig erhöht. Bei den Prototypen sind wir im Moment so weit, dass wir alles selbst machen."

Interessantes und breites Werkespektrum

So entstand innerhalb von zehn Jahren ein gleichermaßen breites wie interessantes Werkespektrum. Debütant war das L.U.C 1.96 mit beidseitigem Selbstaufzug durch kugelgelagerten Mikrorotor aus 22-karätigem Gold, kleiner Sekunde, einer Gangautonomie von etwa 65 Stunden, Genfer Siegel und offiziellem Chronometerzertifikat. Begleitet vom konstruktiv weit gehend gleichen, uhrmacherisch jedoch einfacher ausgeführten 3.96. Das 4.96 verfügt über eine Zentralsekunde. Das sportliche 2000 aus dem Jahre 1999 ebenfalls. Das Kaliber 6.96 von 2001 ist von tonneauförmiger Gestalt. Bleibt das L.U.C 1.98 mit manuellem Aufzug. Ein Opus Technicus mit vier Federhäusern. Dieses Quartett verleiht dem 2000 vorgestellten Uhrwerk eine Gangautonomie von sensationellen neun Tagen.

2002 präsentierte Chopard das L.U.C GMT, basierend auf dem 4.96 und ausgestattet mit einem zusätzlichen, unabhängig verstellbaren 24-Stunden-Zeiger. Zum ausverkauften Star des Jahres 2003, dem Tourbillon, gesellt sich 2006 als Highlight die klangvolle "Strike One" mit Stunden-Selbstschlag. "Mit den eigenen L.U.C-Werken wollen wir der Herrenuhr bei Chopard wieder einen höheren Stellenwert verschaffen. In den vergangenen Jahren waren wir eher für Damenuhren und Schmuck bekannt. Glaubwürdigkeit kann man diesbezüglich aber nur durch eine eigene Manufaktur gewinnen, denn man kann Uhren auch mit einem Faxgerät und mobilen Büro bauen. Aber am Ende zählt immer die Glaubwürdigkeit." Hierzu trägt sicher auch ein objektives Zertifizierungsverfahren namens "Qualité Fleurier" bei, das seit 2004 eine vierstufige Prüfung umfasst: Unabhängige Kontrolleure prüfen die technischen und ästhetischen Uhrwerk-Kriterien. Dabei achten sie u. a. auf die vorschriftsmäßige Anbringung von Zierschliffen, die sorgfältige Bearbeitung der Kanten und Schrauben. Zur handwerklichen Seite gesellt sich eine "Chronofiable"- Zuverlässigkeitsprüfung, welche bei einer Stichprobe die Alterung des Werks, die Wirkung von Zug- und Schubkräften sowie Magnet-, Schlag- und Wasserdichtheitstests umfasst. Bei negativen Werten, also einem Nachgehen der Uhr, verweigert die Stiftung das Zertifikat. Ging alles gut, bekommt Chopard das Plazet zur Verwendung des Logos "QuaIité Fleurier", dazu ein Zertifikat mit der Nummer von Uhr und Uhrwerk.

Die Investition hat sich gelohnt

Aktuell fertigt die Chopard-Manufaktur jährlich bis zu 3000 Uhrwerke. "Sie schreibt schwarze Zahlen. Und wir haben das Glück gehabt, in Fleurier viele qualifizierte Arbeitskräfte zu finden." Und Perspektiven besitzt Karl-Friedrich Scheufele obendrein. "2006 feiert unsere Uhrenmanufaktur ihr 10-jähriges Jubiläum. Zudem wollen wir einen eigenen Chronografen vorstellen. Ausgestattet natürlich mit aufwändiger Schaltrad-Steuerung." Halbe Sachen hat der Co-Präsident von Chopard noch nie gemocht.
(Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/04/08/2006)

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    foto: hersteller
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