Tálos zu ÖGB: "Nur das Gleiche vom Selben"

18. August 2006, 19:40
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Staatswissenschafter vermisst echte Reform und einen "Masterplan" - In seiner Einschätzung ist er einer Meinung mit SPÖ-Chef Gusenbauer

Wien – Was ÖGB-Funktionäre können, kann Alfred Gusenbauer erst recht – nämlich jemandem eine Abfuhr erteilen, der selbst der Meinung ist, gerade ein bedeutendes Reformwerk gestartet zu haben. So geschehen am Mittwoch gegenüber der APA, die Gusenbauer beim Wandern in Tirol erwischte. Zu seiner Meinung über den tags zuvor präsentierten ÖGB-Reformprozess befragt, sagte der SPÖ-Spitzenkandidat kühl: "Da wird noch etwas kommen müssen, die bisherigen Diskussionsbeiträge waren nicht ausreichend." Er werde oft auf die Bawag-ÖGB-Krise angesprochen, sagte Gusenbauer, er sehe sich auch bestärkt in der von ihm angestrengten Trennung vom ÖGB. Gusenbauer: "Die Menschen wollen keine Doppelfunktionen."

Im ÖGB sieht man das offenbar anders, Präsident Rudolf Hundstorfer hatte ja im Sommergespräch des Standard angekündigt, dass neben GPA-Chef Wolfgang Katzian "noch mehr Gewerkschafter kandidieren" würden. Für den BZÖ-Spitzenkandidaten Peter Westenthaler bedeutet das, dass Gusenbauer "die Wähler angeschwindelt" habe.

"Masterplan" fehlt

Der Staatswissenschafter Emmerich Tálos ist einer Meinung mit dem SPÖ-Chef, was die Einschätzung der bisherigen Reformankündigungen betrifft: "Was bisher bekannt geworden ist, lässt nicht darauf schließen, dass der ÖGB bald eine der modernsten Gewerkschaften Europas werden wird." Er sehe in den Ankündigungen lediglich "das Gleiche vom Selben" und vermisse einen "Masterplan", sagte Tálos zum Standard.

Die angekündigten, weiteren Fusionen von Einzelgewerkschaften hält Tálos für nicht ausreichend – wenn dahinter kein Konzept stehe, "für wen die Gewerkschaft steht". Das Versprechen, Doppelgleisigkeiten abzubauen und die Administration zu verschlanken, müsse sowieso passieren – "das ist die Peitsche des Geldmangels".

Das Problem sei, dass der ÖGB "im Wesentlichen die Interessen der vollzeitbeschäftigten Männer vertritt". Teilzeitbeschäftigte Frauen oder atypisch Beschäftigte hätten bis dato "sehr wenig Anreiz, dem ÖGB beizutreten". Die Vorschläge des Wissenschafters: "Für die Einführung der Grundsicherung eintreten, in offenen Runden diskutieren statt in tradierten Bahnen." Auch über GPA-Chef Katzians Vorschlag im Standard, künftig nur eine Gewerkschaft für alle Beschäftigten zu führen, sollte "zumindest diskutiert werden".

Der ÖGB habe viel Zeit verschlafen – im Gegensatz zu anderen Gewerkschaften in Europa, von denen sich einige sehr wohl der Tatsache gestellt hätten, "dass sich die Arbeitswelt pluralisiert und heterogenisiert hat" – etwa die Italiener, die Arbeitskämpfe auch ohne prall gefüllte Streikfonds führten oder die Skandinavier, die "im Hinblick auf Gesellschaftspolitik viel flexibler agieren". (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2006)

  • Staatswissenschafter Tálos: "Sehe kein Konzept für modernen ÖGB."
    foto: standard/cremer

    Staatswissenschafter Tálos: "Sehe kein Konzept für modernen ÖGB."

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