Gudrun Harrer: "Das Schlimme ist, dass wir wirklich wenig wissen"

15. August 2006, 14:42
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Die frühere Irak-Ge­sandte zieht im STANDARD-Interview Bilanz: Gewalt hat die Hoffnung auf Stabili­tät nicht zunichte gemacht

Der Irak als größte Quelle der Instabilität im Mittleren Osten bleibt für den Westen ein Rätsel. Die Gewalt hat die Hoffnung auf Stabilität aber nicht zunichte gemacht, meint die frühere Irak-Gesandte Gudrun Harrer im Gespräch mit Markus Bernath und Claus Philipp.

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STANDARD: Sechs Monate als Sondergesandte in Bagdad waren sechs Monate wachsende Gewalt. Was läuft schief im Irak?

Harrer: Wir suchen ja immer wieder nach Begründungen. Zuerst haben wir gesagt, das Machtvakuum ist schuld an der schlechter werdenden Sicherheitslage. Dann stand die Regierung endlich, und jeder hat gesagt: Jetzt reagieren die extremistischen Gruppen. Das Schlimme ist, dass wir wirklich relativ wenig wissen. Eine der schockierenden Erkenntnisse meiner Zeit in Bagdad war, dass auch die großen "Players" zu den Hintergründen, zum Warum und zur Frage, wie es weitergehen soll, nicht wirklich Antworten haben.

STANDARD: Welchen Sinn hat eine österreichische Vertretung in Bagdad während des EU-Vorsitzes gemacht?

Harrer: Eine neutrale Präsidentschaft wie die österreichische war natürlich eine gewisse Chance, dort etwas zu bewegen. Also dort hinzugehen, sagen zu können: Wir haben als Österreicher keine eigenen Interessen im Irak, aber wir können koordinieren und vermitteln. Und das ist dann auch passiert.

In der Zeit der österreichischen Präsidentschaft wurde von den EU-Botschaftern in Bagdad der erste gemeinsame Bericht zur Situation im Irak und zu den Perspektiven der Zusammenarbeit und des EU-Engagements im Irak geschrieben – ein vertraulicher Bericht. Das ist schon sehr viel. Eine Übung in EU-Außenpolitik. Das kann man für sinnlos halten, aber wahrscheinlich ist es das nicht. Denn wenn die Zeit einmal kommt, können die Europäer gemeinsam im Irak mehr für das Land unternehmen.

STANDARD: Wie kommunizieren die Amerikaner, die Europäer mit den Irakern?

Harrer: Das ist eine sehr schwierige Frage. Das Seltsame und auch Tragische im Irak ist, dass es zwei völlig verschiedene Ebenen gibt, wobei die eine funktioniert: Wir haben den politischen Prozess, wir haben Wahlen gehabt, eine Verfassung, an der man sicher noch arbeiten muss – aber das kann man ja alles nicht wegdiskutieren.

Die Regierung arbeitet, es hat lange gedauert, und sie macht wirklich erstaunliche Schritte. Nuri al-Maliki entpuppt sich als sehr effizienter Regierungschef mit einem enormen Output.

Wenn man mit den Regierungsvertretern spricht, macht also alles Sinn. Alles hat Hand und Fuß. Und dann ist da diese Sicherheitsebene, das, was auf der Straße passiert, etwas völlig anderes, von der politischen Ebene völlig Losgelöstes.

Als Gesprächspartner weiß man nicht, wie man damit umgehen soll. Nach jedem Satz über die irakische Politik kommt ein großes Aber: "Aber die Situation auf der Straße lässt dies oder das nicht zu..." Doch die Politiker müssen ja trotzdem etwas machen.

STANDARD: Mit welchem Gefühl sehen Sie den Konflikt im Irak nun wieder von Wien aus? Ist das eine „Never Ending Story“ oder gibt es da Licht am Ende des Tunnels?

Harrer: Ich kann mich nicht davon befreien. In den ersten Tagen nach der Rückkehr war es komischerweise noch anders. Aber jetzt suche ich wieder meine E-Mails nach jeder Nachricht aus Bagdad ab. Ja, für mich ist es so gesehen eine Geschichte, die nicht mehr aufhört. Licht am Ende des Tunnels? Ich glaube schon.

Nach dem Bombenanschlag auf die Goldene Moschee in Samarra im März habe ich gedacht, es ist aus. Ich habe mit meinem Rückruf gerechnet und im Kopf schon geplant, wie man die Botschaft wieder in Kisten verpackt. Das Land rutscht endgültig ab, dachte ich, und dieser Gedanke kam noch ein-, zweimal während meiner Zeit. Aber es passiert eben nicht. Ich glaube, irgendwann lässt sich die Politik doch noch am Boden übertragen. Die Bereitschaft zum Bürgerkrieg ist sehr groß, aber sie ergreift doch nicht alle.

STANDARD: Einer Ihrer irakischen Freunde ist in der Zeit Ihrer Mission in Bagdad entführt worden. Er kam nach einer Woche frei und ist dann wie viele andere so schnell wie möglich mit seiner Familie aus dem Irak ausgewandert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Harrer: Das war wohl der Tiefpunkt. Ich war persönlich getroffen. Auf meiner Rückreise nach Wien habe ich ihn und seine Frau in Dubai besucht, wo sie derzeit leben. Das war sehr wichtig für mich. Und dann habe ich auch die ganze Geschichte über die Entführer gehört, die wieder typisch ist für den Irak heute – ein Gemisch aus "lost generation", Religion und für uns hier unverständlicher Solidarität.

Die Entführer waren arme, sehr einfache Jugendliche. Die ganze Entführung war im Prinzip wahrscheinlich kriminell motiviert, aber dann doch ideologisch erklärt. Meinem Bekannten haben sie gesagt: "Wir haben dich, weil du bei den Amerikanern arbeitest. Du bist ein Sunnit, deshalb darfst du überleben. Wenn du ein Schiite wärst, würden wir dich sofort umbringen."

Am ersten Tag haben sie ihn jedenfalls mit Kabeln geschlagen. Seine Freilassung hat 100.000 Dollar gekostet. Seine Familie hat gezahlt, aber eben auch Arbeitskollegen, die kamen und zum Teil einfach 10.000 Dollar auf den Tisch gelegt haben. Das ist auch der Irak.

STANDARD: Haben Sie manchmal Angst gehabt?

Harrer: Meine „erste“ Rakete ist ja nicht explodiert. Ich habe nur das Pfeifen gehört und gewusst, die ist sehr nahe am Botschaftsgebäude eingeschlagen. Das vergisst man dann nicht. In diesen Fällen wird immer Alarm ausgelöst, man geht in "hard cover", in eine Art Bunker. Die nächsten Tage kamen dann immer drei bis vier Raketen, das war nach dem Anschlag in Samarra.

Ich weiß nicht, ob es Angst war, es war eine Art Nervosität. Bei der letzten Ausfahrt aus Bagdad hatte ich so etwas wie Angst, glaube ich. Das ist auch typisch: Die Sicherheitsleute zum Beispiel weigern sich, am letzten Arbeitstag in die "rote Zone" zu gehen.

STANDARD: Würden Sie Ihr Buch "Kriegs-Gründe" aus dem Jahr 2003 nach der Erfahrung in Bagdad anders schreiben?

Harrer: Ich würde nichts wesentlich verändern. Was wir alle unterschätzt haben, ist die Stärkung des Iran. Das hat aber weniger etwas mit den Kriegsgründen zu tun als mit den Dingen, die man nicht bedacht oder in Kauf genommen hatte, weil man diesen Krieg so sehr wollte.

Aber diese Debatte ist im Grunde völlig irrelevant. Die Situation ist heute einfach anders. Wir ziehen, was den Irak anbelangt, alle an einem Strang. Das eint auch die EU-Staaten. Wir wollen alle dasselbe: die Stabilisierung des Irak, den Aufbau des Landes.

STANDARD: Im September kehren Sie zurück in die Redaktion. Wie trennen Sie den Job als Journalistin von der früheren Aufgabe als Diplomatin?

Harrer: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich wäre die Letzte, die sagt, dass das unproblematisch ist. Als ich nach Bagdad ging, habe ich das im Kopf getrennt. Ich habe mir gesagt: Das muss jetzt sein, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Es war eine andere Welt, ein anderer Job. Und das hat funktioniert.

Genau dasselbe habe ich jetzt wieder vor, da gibt’s kein Mitleid. Dass ich natürlich für diese Zeit Regeln der Verschwiegenheit unterliege, ist klar. Aber ich glaube schon, dass man sagen kann: Okay, jetzt kommentiere ich wieder. (DER STANDARD, Printausgabe, 3. August 2006)

Zur Person
Gudrun Harrer war von Jänner bis Juli 2006 Sondergesandte der österreichischen EU-Präsidentschaft in Bagdad und bilaterale Botschafterin. Die Islamwissenschafterin übernimmt ab September wieder die Leitung des Ressorts Außenpolitik im STANDARD.
  • Gudrun Harrer, Ex-Irak-Gesandte.
    foto: der standard

    Gudrun Harrer, Ex-Irak-Gesandte.

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