"Die Spritzerei hat mir noch nie gefallen"

1. August 2006, 19:09
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Manche Wiener Landwirte setzen auf Hightech – andere gehen alternative Wege: zum Beispiel in Stammersdorf

Wien – Die vielen Felder links und rechts der Brünner Straße in Wien Floridsdorf sind längst verbaut und Geschichte. Doch nur ein kleines Stück weiter draußen, im alten Ortskern von Stammersdorf, ist immer noch – fast – alles so, wie es einmal war: Ein Anger aus alten Weinhauerbetrieben, Haus an Haus.

Vorreiter

Bei Ambros Steindl aber ist alles noch ein bisschen originaler, dort scheint die Zeit noch früher stehen geblieben zu sein. Im Hof muht die Kuh in ihrem Stall lautstark vor sich hin, weiter hinten, zwischen den Traktoren aus den 50-er und 60-er Jahren, rennen die Hendln mit den Gänsen und Truthähnen um die Wette. Und daneben nutschen die Schweindln. Dabei ist Ambros Steindl im Grunde genommen ein Vorreiter. Einer, der für die Zukunft arbeitet. Vor vier Jahren hat er seinen Betrieb auf Biolandbau umgestellt.

"Mich und meinen Vater hat immer schon eine bisserl andere Produktionsweise interessiert", erinnert sich Steindl. "Und diese Pflanzenschutz-Spritzerei hat mir noch nie gefallen." Vor allem auch wegen des Gesundheitsaspektes: "Im Weinbau stehst ja beim Spritzen im Grunde in einer Giftwolke. Früher bei der Laubarbeit in den frisch gespritzten Blättern hat die Mutter immer Ausschläge bekommen."

Scharfe Kontrollen

Trotzdem habe er sich länger nicht drüber getraut, den Betrieb umzukrempeln. Erst galt es, einiges aus- und umzubauen. Jetzt aber ist er bei der Bioernte Austria, hat einen Kontrollvertrag mit der Austria Biogarantie und wird schärfer kontrolliert als ein Rennradler auf Dopingmittel. Meist sind das unangemeldete Besuche, da werden Proben genommen, alle Rechnungen und Listen eingesehen. Diesen Tag kann man dann vergessen. Denn bei Steindl gibt es viel zu kontrollieren. 45 Hektar baut er an; Weizen, Hafer, Roggen und Triticale – eine Kreuzung aus Weizen und Roggen – als Futtermittel. Bei den Erbsen fand Steindl wiederum heraus, dass "viele Probleme hausgemacht" seien. Mit denen habe er immer Probleme gehabt – "bis ich die Sorte fand, die bei uns gut gedeiht".

Dazu kommt noch eine kleine Arche Noah: Eine Mutterkuh und zwei Kälber, vier bis fünf Pferde, 40 bis 50 Schweine, 120 Hühner, Enten, Gänse und Truthühner. Dazu noch zweieinhalb Hektar Bioweinbau – aber mit dieser Fläche ist er der kleinste Betrieb in Stammersdorf. Dass er den Hof seines Vaters einmal übernehmen würde, sei für ihn nie in Zweifel gestanden. Den Ackerbau hatte er dann fünf Jahre lang in Wieselburg gelernt.

Jetzt, nach der Umstellung, weiß er: "Am Ende reduziert sich alles auf den Boden." Daher die Fruchtfolge, bei der drei Jahre Luzerne, ein Futterklee, angebaut werden, die hervorragend Stickstoff binden und Nährstoffe aus ein paar Metern Tiefe herauf holen. Danach kann dann wieder zwei, drei Jahre etwas anderes angebaut werden. Wird gedüngt, dann nur organisch. Einen Zusatzvorteil hat der zusätzliche Aufwand aber schon auch: "Ich muss weniger Kilo spazieren führen."

Einziger Biobauer beim Lagerhaus

Möglichst viel geschieht im Kreislauf. Auch das Saatgut zieht Steindl zu 90 Prozent selbst – den Rest bekommt er im Lagerhaus. Auf Bestellung: "Im Lagerhaus Gerasdorf bin ich der einzige Biobetrieb." Das Tor zur Stammersdorfer Straße öffnet sich und ein Mann schaut mit seinem Sohn vorbei – die kennen sich hier schon aus; "willst erst zu die Hendln oder zu die Schweindln?" Dann wird noch ab Hof eingekauft.

Besuche hat Steindl oft: "Bei manchen komm’ ich mir schon vor, wie ein Lehrer oder ein Vorzeiger. Die haben ja keine Ahnung, was ein Rind ist." Denn auch wenn hier noch vieles beim Alten ist: Die Stadt ist schon sehr nah. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 02.08.2006)

  • Wo die Zeit in Wien noch früher stehen blieb: Ambros Steindl ist als Biobauer aber ein Vorreiter
    foto: standard/fischer

    Wo die Zeit in Wien noch früher stehen blieb: Ambros Steindl ist als Biobauer aber ein Vorreiter

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