Kommentar: Kreuzzug in der Petrischale

20. Juli 2006, 18:32
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In der Debatte um embryonale Stammzellen fehlen die Werte der Aufklärung

Es mutet etwas scheinheilig an, wenn ausgerechnet US-Präsident George W. Bush nun den Moralischen gibt, vom unabdingbaren Schutz menschlichen Lebens von Beginn an spricht, einem Schutz, der in "unserer anständigen Gesellschaft" zu respektieren sei.

Aus dieser Begründung seines Vetos gegen die Ausweitung der Förderung für die umstrittene embryonale Stammzellforschung lässt sich aber sehr deutlich jenes Dilemma herauslesen, das sich seit Langem hartnäckig einer Lösung entzieht: Argumente gründen noch immer auf einem beinahe religiösen Fundamentalismus, der wissenschaftliche Erkenntnisse negiert, philosophische Ethik ignoriert. Säkularisierung und Toleranz, aus der Aufklärung geborene Werte, scheinen ihre Gültigkeit verloren zu haben. Nicht nur in den USA, auch in anderen Ländern wie Deutschland und Österreich, die die Herstellung der Zellen verbieten.

Die grundlegende Frage, auf die sich der Streit um die embryonalen Stammzellen zurückführen lässt, ist die Frage nach dem Beginn menschlichen Lebens. Weder Naturwissenschaft noch Geisteswissenschaft werden jemals eine befriedigende konkrete Antwort darauf geben können.

Bis ins 19. Jahrhundert wusste man gar nichts von einer frühen Embryonalentwicklung, die Entstehung neuen Lebens wurde erst durch Bewegungen des Kindes im Mutterleib bewusst. Und heute weiß man, dass ein Embryo nicht nur durch Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstehen kann, sondern auch durch Kerntransfer - etwa beim therapeutischen Klonen für die Stammzellgewinnung. Und es werden Embryonen hergestellt, die, selbst in die Gebärmutter einer Frau implantiert, sich niemals zu einem Kind entwickeln können.

Diese Erkenntnisse haben zwar dazu geführt, dass die Definition eines Embryos in etlichen Staaten gesetzlich ausgeweitet wurde, beantworten die entscheidende Grundfrage nach dem Lebensbeginn auch nicht, machen sie im Gegenteil noch komplexer. Also werden zunehmend apodiktische Statements abgegeben.

Im Unterschied zu Christen denken zum Beispiel Juden das ungeborene Leben aus der Verfügungsgewalt der Mutter heraus, erst mit der Geburt wird es unabdingbar schutzwürdig. Die mosaische Religion geht davon aus, dass der Embryo vor dem 40. Tag nach der Befruchtung oder Klonierung noch keinen Status als Mensch hat. Ein Embryo im Reagenzglas ist daher nicht besonders schützenswert. Gegen therapeutisches Klonen gibt es also keine Vorbehalte.

Außerdem steht der Aspekt der Heilung in der jüdischen Kultur sehr im Vordergrund, sodass bei der Frage nach einer moralischen Zulässigkeit der embryonalen Stammzellforschung die Aussicht, bisher nicht therapierbare Krankheiten heilen zu können, positiv den Ausschlag gibt. Eine Denkweise übrigens, die in den Debatten um diese Forschung zu kurz kommt: Ethik beschränkt sich nicht nur auf das Tun, sondern bezieht auch das Unterlassen mit ein.

Die Situation im Islam ist eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so großzügig. Der Beginn der absoluten Schutzwürdigkeit eines Embryos wird dort zumeist etwa zwei Monate nach der Befruchtung respektive Klonierung angesetzt. Gegen embryonale Stammzellforschung spricht daher auch hier nichts. Doch im Christentum, das von einer göttlichen Instant-Beseelung befruchteter und sich teilender Eizellen ausgeht, gibt es ethische Bedenken.

Jeder Staat, der sich zu einer pluralistischen, demokratischen Einigung seiner Bürger unter Bedingungen der religiösen und kulturellen Toleranz bekennt, darf aber der embryonalen Stammzellforschung nicht mit Restriktionen und Verboten begegnen. Er muss diese Forschungen freigeben in die weltanschauliche ethische Verantwortung der jeweiligen Wissenschafter (die auch nicht dazu gezwungen werden dürfen) und mit den Steuergeldern aller Bürger finanzieren. Alles andere mutet wie die Fortsetzung der Kreuzzüge mit anderen Mitteln und auf einem anderen Kriegsschauplatz an - diesmal in der Petrischale. (Andreas Feiertag, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.7.2006)

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