Enzyklopädisches Endspiel - Peter Ruzicka im Gespräch

20. Juli 2007, 16:43
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Salzburg-Intendant Peter Ruzicka im Gespräch über Netrebko, Carlos Kleiber, die Finanzen und das Komponieren während der Festspielzeit

Salzburg-Intendant Peter Ruzicka hofft, mit seinem integralen Mozartopernprojekt künstlerisch wie ökonomisch zu reüssieren. Ein Gespräch über Anna Netrebko, Carlos Kleiber, die Finanzen und das Komponieren während der Festspielzeit.

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Salzburg - Peter Ruzicka bleibt nichts erspart. Wiewohl "der Sechzehn-Stunden-Tag, der während der Festspiele der Normalfall ist"in diesem seinen letzten Salzburg-Sommer wegen des Monsterprojektes "alle Mozart-Opern"schon während der Vorbereitung zu absolvieren ist, will man von ihm einen Rückblick auf seine nun endende Periode als Intendant. Dies ist ihm etwas zu früh: "Das Schlusskapitel steht noch aus. Wir Theaterleute sind abergläubisch."

Andererseits laufen die Dinge gut, besonders der Vorverkauf: "Wir hätten uns das nicht träumen lassen. Wir haben ja 40 Prozent mehr Karten aufgelegt als im Vorjahr, und 96 Prozent davon sind weg."Er ärgert sich aber darüber, dass man schreibt, "ich hätte in Salzburg die Neue Musik an den Rand gedrängt. Dass man das ausgerechnet im Jahr 2006 behauptet, in dem 15 Auftragswerke zur Aufführung kommen - präsentiert auch von den Wiener und Berliner Philharmonikern -, verstehe ich nicht. Mir ist dieser Neue-Musik-Schwerpunkt wichtig als Kontrapunkt zum integralen Mozartprojekt. Mozart allein wäre zu wenig gewesen."

Das Uraufführungsprojekt unter Mozart-Bezug auf die Beine zu stellen, habe "ein wenig gedauert. Viele Kollegen zögerten, die Herausforderung anzunehmen. Manche haben dann auch Stücke geschrieben, die sich denkbar weit von Mozart entfernen."Nicht einfach sei natürlich auch das Mozartopernprojekt: "Das Schwierige war, Regisseure zu finden, die die Frühwerke Mozarts, die kaum jemand auf der Bühne gesehen hat, als Her-ausforderung annehmen. Ich glaube, es wird aber Entdeckungen geben, wie letztes Jahr mit Günter Krämers Mitridate."Ist gut möglich. Wenngleich Ruzicka in seiner Periode sehr oft auf solide, prominente Regiehandwerker zurückgegriffen hat, ist ihm bei Mozart einiges gelungen. Etwa der Don Giovanni von Martin Kuaej oder eine wilde, ideenvolle Entführung von Stefen Herheim. Warum aber nicht mehr Überraschungen?

Strauss-Zyklus

"Herheim ist nun so ausgebucht, dass ich ihn nicht einmal für die Münchner Biennale 2010 bekomme. Man kann nicht in jedem Jahr sagen, das ist jetzt ein Herheim. Es gibt auch Jahre, in denen eine solche Jahrzehntbegabung fehlt. Für Peter Konwitschny hat sich kein Stück angeboten. Wenn Sinopoli nicht gestorben wäre, wäre im Strauss-Zyklus aber ein solches Junktim zwischen Dirigent und Regisseur möglich gewesen."

Man kann auch Pech haben, Stichwort Dirigenten - da hätte ja fast Carlos Kleiber, der mittlerweile verstorbene gro-ße Szeneverweigerer, sein Salzburg-Debüt gefeiert: "Das war der erste Dirigent, mit dem ich vorwiegend über SMS kommuniziert habe. Er war ein sehr fleißiger Schreiber, ich habe seine SMS noch alle gespeichert. Wir haben schon Besetzungen diskutiert, er hat von Angelika Kirchschlager geschwärmt. Er war aber sehr skeptisch, was die Publikumserwartungen anbelangt. Er hatte die Sorge, nicht ungestört arbeiten zu können. Ich glaube, dass dann der Tod seiner Frau das Ganze beendet hat. Ab diesem Moment hatte die Kommunikation etwas Resignatives."

Zweifellos hat Ruzicka am Anfang auch an gute finanzielle Möglichkeiten des Festivals geglaubt - er hat ja eigentlich sein Programm für die ganze Periode schon zu Beginn beisammengehabt. Allerdings kürzte die öffentliche Hand die Zuschüsse. Und Ruzicka begann Kompromisse zu schließen, der Moderne etwa war nicht jedes Jahr ein Schwerpunkt gewidmet.

"Zu Beginn hat man mir nicht einmal angedeutet, dass es Einsparungen geben würde. Im künstlerischen Bereich haben wir mittlerweile 20 Prozent weniger Budget als noch vor fünf Jahren. Die Konsequenz wäre eigentlich gewesen, das Mozart-Thema, jedenfalls in dieser Dimension, zu vergessen. Die öffentliche Hand hat dann aber in einer Mischfinanzierung mit 2,5 Millionen Euro das Projekt doch ermöglicht. Dafür bin ich dankbar."

"Glücklicherweise haben wir", was das Publikum anbelangt, "die erfolgreichsten fünf Jahre der Festspiele überhaupt hinter uns. Durch Überschüsse konnte man die Planung deshalb, wie vorgesehen, fortsetzen. Da und dort mussten aber mittelgroße Einschränkungen gemacht werden. Es kamen dann aber weitere Sponsoren hinzu, ohne Abhängigkeiten zu schaffen. Das muss man gleich dazusagen. Im angelsächsischen Raum ist ja der künstlerische Preis, den man bei Sponsoren zahlt, immens, eigentlich nicht zu vertreten."

Frage der Größe

Seine Meinung zur Zukunft: "Ob auf Dauer das künstlerische Volumen der Produktionen unter diesen Voraussetzungen zu halten ist, muss man bezweifeln. Es muss ja auch vielleicht nicht sein, dass jeden Abend sechs Veranstaltungen parallel laufen."Seinem Nachfolger Jürgen Flimm wird er jedenfalls einen Finanzüberschuss hinterlassen. "Es wird wohl ein siebenstelliger Betrag werden - und er wird ihn brauchen."Sind die Salzburger Festspiele gar auf einem sehr hohen Niveau arm? "Ich habe jedenfalls sehr viel Zeit damit verbracht, Künstler dazu zu überreden, unsere Gagen zu akzeptieren, obwohl sie etwa bei italienischen Sommerfestivals ein Mehrfaches verdienen können. Sie nahmen finanzielle Einbußen in Kauf, das ist der Nimbus von Salzburg, da will man dabei sein. Aber ein solcher Nimbus ist nicht selbstverständlich, er muss immer neu errungen werden."

Bei Anna Netrebko hat es heuer geklappt. Ihre explodierende Karriere sieht Ruzicka übrigens nicht mit Sorge: "Ich habe mit ihr mehrfach gesprochen und habe den Eindruck, dass sie ihre Auftritte sehr dosiert, oft Nein sagt. Ihr Terminkalender ist jedenfalls bei Weitem nicht so überfüllt wie der von Rolando Villazon. Sie geht auch zu ihrem Lehrer zurück, ist sehr vorsichtig mit neuen Partien."

Nach den Festspielen geht Ruzicka zum Komponieren zurück: "Es haben sich sehr viele Ideen angesammelt, von daher war dieser Konflikt vor zwei Jahren, ob ich die Einladung weiterzumachen annehmen soll, doch zugunsten des Komponisten zu entscheiden. Da hat sich der Künstler gegenüber dem Manager durchsetzen müssen, sonst hätten die Stücke auf Dauer nicht geschrieben werden können. Das hat nicht jeder verstanden."

Komponieren war aber auch im Festspieltrubel nicht ausgeschlossen: "Ich habe eine nur mir selbst verständliche Kürzelschrift, mit der ich Gedanken fixiere, die ich auch nach Monaten abrufen kann. Das konnte auch während der Festspiele sein, das gab es auch nachts, da habe ich fieberhaft etwas notiert und dann für kommenden Zeiten beiseite gelegt."

Die Zeiten können kommen - nach dem enzyklopädischen Mozartsommer. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, Printausgabe vom 20.7.2006)

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    Eine seltsame Erfahrung für Peter Ruzicka: Er hat mit Dirigent Carlos Kleiber vor allem per SMS kommuniziert.

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    Bühnenwerke Mozarts mit Entstehungsjahr und Aufführungsterminen

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