Kampf der Bildergrippe auf dem Mönchsberg: Sommerzene Salzburg

17. Juli 2006, 18:25
posten

Das Choreografenduo Michikazu Matsune/David Subal Stärker inszenieren ihre Performance außerhalb der gewohnten Institutionen

Salzburg – Die ansteckendste aller globalen Seuchen ist die Bildergrippe. Diese gefährliche Krankheit wird vor allem durch das Fernsehen übertragen. In zahllosen Kunstprojekten wird an der Entwicklung von Mitteln gegen die Pandemie gearbeitet. Das war auch im diesjährigen Salzburger Sommerszene-Festival deutlich zu erkennen.

Eine bisher leider unwirksame Maßnahme ist die Erprobung von Gegenbildern. Sie hat die Bildergrippe noch aggressiver werden lassen, denn viele Alternativen wurden kreativindustriell zur Erneuerung der Seuche genutzt. Daher wird in den darstellenden Künsten heute wieder damit experimentiert, mediale Klischees zu kopieren und zu verfremden. Die Sommerszene zeigte unter dem Motto "Sex, Crime and the City" zwei erfolgreiche Protagonisten dieses Verfahrens in der westlichen Performanceszene, Superamas mit Big 3rd Episode und die Big Art Group mit House of No More.

Verfechter der Gegenbildermethode bezweifeln die Heilwirkung der Reproduktion von Medienbildern im Kunstkontext. Es gibt auch einen dritten therapeutischen Ansatz: die Infiltration des Alltags durch performative Aktionen. Ein heikles Verfahren, mit dem auch in Salzburg experimentiert wurde. Das aufstrebende Wiener Choreografenduo Michikazu Matsune und David Subal zeigt, dass es durchaus viel versprechende Formen annehmen kann.

Matsune/Subal machten bereits im Juni während des Festivals Österreich tanzt im Festspielhaus St. Pölten mit dem Start ihrer Serie Projekte für konkrete Gelände auf sich aufmerksam. Der niederösterreichische Bühnentempel wurde mit Installationen, Aktionen, Videos und Plakaten neu erschlossen. Das Publikum konnte unter dem Titel keep in touch von Station zu Station wandern und über die Vermischung von Kunst-, Kommerz- und Kriegsdiskursen staunen.

Schweine im Museum

In Salzburg okkupierten Matsune und Subal einen Teil des Mönchsbergs. Der zweite Parcours and so on verband das Museum der Moderne mit Wald und Wiese dahinter. Zwei nackte Darsteller mit Schweinemasken mimten Pigs Tied to the Museum. Soldaten probten Almost Invisible Art. In deren Nachbarschaft gab es einen Plastikfolien-Schwanensee mit drei aparten Ballerinen, aber auch ein Rockergirl, das einen Teddy malträtierte. Fünf Spiegelbrillen tragende Grazien räkelten sich unter den Bäumen, eine dunkelhäutige Frau in Dirndl und Westernstiefeln kommentierte die Hochkultur mit "Blablabla".

Stärker als das Kinoerlebnis, dessen Intensität oft jene des Theaters übertrifft, ist die Begegnung mit Performance außerhalb der gewohnten Institutionen. Hier vermischen sich Fiktion und Wirklichkeit in aufregendem Ausmaß.

Noch konkreter intervenierte der New Yorker Künstler Ivan Talijancic, der Salzburg mit Szenen eines Agententhrillers infizierte. Sein Projekt 39 frames wurde über eine Website lanciert und darauf dokumentiert (thirtynine.cc). Das Publikum konnte an der Fahndung nach einer gefährlichen Agentin mit dem Codenamen Natasha teilnehmen, Polizeieinsatz inklusive. Ob der Bildergrippe so beizukommen ist, bleibt ungewiss. Doch immerhin: Für Suspense war gesorgt. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2006)

  • Das Wiener Choreografenduo Matsune/Subal irritierte mit "Pigs Tied to the Museum".
    foto: szene/wolfgang kirchner

    Das Wiener Choreografenduo Matsune/Subal irritierte mit "Pigs Tied to the Museum".

Share if you care.