Ausflug zum Ort des Heiklen

20. Juli 2007, 16:42
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Filmregisseur Tony Palmer und seine DVD über die Salzburger Festspiele

Wien – Der Mann muss ein Salzburg-Fan sein. 1959 hat Tony Palmer, erfahrener Musikfilmer, der schon über die Beatles, Frank Zappa und unzählige Klassikkünstler Filme gedreht hat, das Festival erstmals besucht und ist seitdem regelmäßiger Gast. Und für seinen Film über die Geschichte der Salzburger Festspiele, der nun als DVD (Vertrieb Lotus) erschienen ist und von 23 Ländern ausgestrahlt wird (Österreich ist nicht dabei) hat er gar 69 Leute interviewt – und das gründlich:

"Die Gespräche waren nie kürzer als eine Stunde; wenn jemand wollte, konnte es auch länger sein, ich setzte da kein Limit." So kamen 100 Stunden Material zusammen, die Palmer zu einem etwas mehr als drei Stunden dauernden Puz_zle aus Gesprächen, Aufführungs- wie Probenausschnitten und historisch-dokumentarischem Material komprimiert hat.

Das hat auch witzige Seiten, wenn etwa Daniel Barenboim erzählt, wie er als Wunderkind nach langer, beschwerlicher Fahrt schließlich erschöpft in einer Probe von Karl Böhm einschlief, was ihm dieser in Verkennung der wahren Ursache später übel nahm. Und es ist tatsächlich Placido Domingo (und kein Double), der nach erfolgreich verwertetem Ball in einen Torjubel ausbricht, als wäre er gerade in die spanische Nationalmannschaft berufen worden. Diese Aspekte werden den Salzburger Festspielen gefallen haben. Andere wohl weniger. Und dies in einem Ausmaß, dass man sich – vertreten durch Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler – dazu entschloss, zur Produktion auf Distanz zu gehen.

Palmer: "Sie war zunächst begeistert, hat mir das Archiv der Festspiele zur Verfügung gestellt, das übrigens leider keine Minute Filmmaterial enthielt. Man hat wohl einen Promofilm erwartet. Mittlerweile höre ich, dass man den Festivalshop angewiesen hat, die DVD nicht zu verkaufen. Und auch sonst soll sie möglichst totgeschwiegen werden. Das Material bezog ich vor allem vom ORF. Die fertige Arbeit habe ich der Präsidentin geschickt. Die Antwort war nur Stille."

Mittlerweile hat man sich geäußert und versucht, Palmer Fehler nachzuweisen. Zweifellos ist der Film formal nicht geglückt. Er gleicht einer Fundgrube und gleitet mitunter sehr ab vom Salzburg-Thema, landet im Bereich des Künstlerportraits. Auch ist manches missverständlich montiert. Es wurden etwa Opernszenen gezeigt, die nicht in Salzburg stattgefunden haben. "Das ist klar. Denn hier geht es auch um die Diskussion über Regietheater als solches", verteidigt sich Palmer. Dennoch: Da es nun galt, die ganze Geschichte der Festspiele zu erzählen, musste aber auch der politische Kontext Erwähnung finden, und da warten auf den Betrachter interessante Details. Zu vermuten ist, dass diese üppige Thematisierung der Nazi-Zeit die Festspiel-Begeisterung für das Projekt in ihr Gegenteil verkehrt hat.

Palmer: "Kunst und Politik, das war und ist in Salzburg eine wichtige Beziehung, das konnte ich nicht ignorieren. Der Film versucht zu verstehen, wie dieses wichtigste Festival der Welt sich entwickelt hat. Es ist eine komplexe Geschichte." Zu der auch Kontroversen und Ratschläge gehören: So wird man an eine eher konservative Rede des verstorbenen Thomas Klestil erinnert, die Gerard Mortier einst erzürnte, der in dem Film auch zu Wort kommt. Und Sir Simon Rattle findet, dass die Festspiele in Zukunft mehr Risiko eingehen sollten. Intendant Peter Ruzicka kommt hingegen nur kurz vor. Auch das wird Salzburg nicht sonderlich erfeut haben. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2006)

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    Ein üppiger Salzburg-Film: Tony Palmer.

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