"Hunderttausende werden kommen"

13. Juli 2006, 19:09
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Österreich stehe noch vor großen Heraus­forderungen, aber ein Wirtschaftserfolg der EM 2008 sei absehbar - Ökonom Bernhard Felderer im STANDARD-Interview

STANDARD: Was kann man von der WM in Deutschland abkupfern, damit unsere EM ein wirtschaftlicher Erfolg wird?

Felderer: Im Vorfeld gibt es sehr viele, sehr wichtige Maßnahmen, von der Werbung für den Standort bis zur Parkplatzplanung. Entscheidend ist, was Deutschland gelungen ist, sich als absolut sicherer Austragungsort für Sport-Großereignisse in aller Welt zu präsentieren. Die sind in der Regel ein profitables Geschäft.

STANDARD: Kann man diesen Profit schon heute für die EM 2008 abschätzen?

Felderer: Wir haben das schon 2002 in einer Studie versucht. Da kannten wir natürlich die Daten der deutschen WM noch nicht. Gegeben den deutschen Erfolg, glaube ich, dass wir damals für Österreich sehr konservativ geschätzt haben und durchaus noch mehr herausholen könnten.

STANDARD: Was heißt das in Einnahmen oder Arbeitsplätzen gesprochen?

Felderer: Die Wertschöpfung bis 2008 haben wir mit bis zu 3,3 Milliarden - damals noch Schilling, heute also rund 240 Mio. Euro - angenommen. Daraus abgeleitet vor allem am Bau und im Tourismus einen Beschäftigungseffekt von bis zu 6600 Arbeitsplätzen - aufgeteilt auf drei bis vier Jahre.

STANDARD: Also doch relativ kurzfristige Effekte.

Felderer: Wenn die Stadienbauten fertig sind, fällt die Beschäftigung natürlich wieder zurück, das ist klar. Aber die langfristigen Positiv-Effekte sind nicht zu unterschätzen. Zum Beispiel der mögliche Image-Gewinn durch die Reklame für das Land, wie das Deutschland vorgezeigt hat.

STANDARD: Wäre da nicht auch eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten hilfreich, wenn man an die erwarteten Touristenströme denkt?

Felderer: Es gibt ja bereits die Möglichkeit, dass die Landeshauptleute die Entscheidung treffen, in Tourismuszonen die Geschäfte offen zu halten, und das wird auch an vielen Orten so gemacht. Mich stört aber, dass in Wien, insbesondere im touristisch stark frequentierten 1. Bezirk oder bei Schönbrunn, nach wie vor restriktive Öffnungszeiten gelten.

STANDARD: Auch am Sonntag sollten die Geschäfte zur EM geöffnet sein? Der Sonntag ist ja immer der große Streitpunkt.

Felderer: Ich würde in Wien im 1. Bezirk die Öffnungszeiten völlig frei geben. Eventuell mit Ausnahme des Sonntagvormittags, um einen Kompromiss mit der katholischen Kirche zu finden, aber jedenfalls am Sonntagnachmittag aufmachen. Und selbstverständlich am Samstag und selbstverständlich spät in die Abende hinein und selbstverständlich zur Fußball-Europameisterschaft. Das ist doch überhaupt keine Frage.

STANDARD: Was sind darüber hinaus die wichtigsten Einflussfaktoren für Erfolg oder Misserfolg der EM? Die Organisation, ob es letztlich viele Tore gibt oder am Ende das Wetter?

Felderer: Es darf vor allem bei der Organisation keine Fehler geben, zum Beispiel im Verkehr und in der Sicherheit steht man vor wirklich großen Herausforderungen. Es gibt ja Austragungsorte von Wien bis Genf. Wenn die Leute nicht rechtzeitig mit den Autos zu den Spielen kommen, droht das Chaos. Die Deutschen werden alle mit dem Auto kommen, hunderttausende werden das sein.

STANDARD: Und was ist Ihr persönlicher Wunsch für die EM? Wem drücken Sie die Daumen?

Felderer: Wenn alles glatt läuft und es uns auch gelingt, die Olympischen Spiele 2014 nach Salzburg zu holen, wäre das mit Sicherheit das Nonplusultra. Keine Fremdenverkehrswerbung hätte jemals das Geld, so einen Werbeeffekt für Österreich zu erzielen. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Juli 2006, Michael Bachner)

ZUR PERSON: Bernhard Felderer (65), Ökonom, leitet das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

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