Die kalorischen Energie des Motschkerns

12. Juli 2006, 12:43
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SPÖ lud zum "Kanzlerfest" in spe - Vom Knatsch mit der Mutterpartei nicht abschrecken ließ sich der ranghöchste SP-Gewerkschafter, ÖGB-Präsident Hundstorfer

Wien - Die Formulierung war spontan, beteuerten Alfred Gusenbauers Berater später, denn so etwas könne man gar nicht vorbereiten. Das alljährliche "Sommerfest" der SPÖ (in besseren Zeiten noch "Kanzlerfest" genannt) eröffnete der Gastgeber und Parteichef am Montagabend nämlich mit einem sprachlich bemerkenswerten Aufruf. Es sei Zeit, "die kalorische Energie des Motschkerns in kinetische des Gestaltens umzuwandeln", rief er den rund 1600 Gästen im mit Rosen dekorierten Park des Gartenhotels Altmanndsdorf entgegen.

Jene Gewerkschafter, die recht demonstrativ mit kleinen roten "FSG"-Ansteckern gekommen waren, fühlten sich da sicher besonders angesprochen. Nach Bawag-Krise und Gezerre um ÖGB-Doppelfunktionen sollte das Fest eine Demonstration roter Einigkeit werden. Das gelang nicht ganz.

Demonstrativ plauderte Gusenbauer zwar mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl. Auch Oberösterreichs SPÖ-Chef Erich Haider wurde ausdrücklich begrüßt. Die Landeshauptleute Gabi Burgstaller aus Salzburg und Franz Voves aus der Steiermark fehlten aber genauso wie Kärntens SPÖ-Chefin Gaby Schaunig-Kandut.

Nicht gekommen waren auch zahlreiche rote Spitzengewerkschafter, wie Metaller-Chef Erich Foglar, GPA-Vorsitzender Wolfgang Katzian sowie FSG-Chef Wilhelm Haberzettl - sie will Gusenbauer ja auch im SP-Parlamentsklub nicht begrüßen.

Vom Knatsch mit der Mutterpartei nicht abschrecken ließ sich der ranghöchste SP-Gewerkschafter, ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer - auch wenn er die Frage, ob er Gusenbauers Einladung gerne gefolgt sei, nicht beantworten wollte ("Ich bin da und aus.").

Dafür war Prominenz aus nicht anderen Bereichen so stark vertreten wie selten zuvor. Gekommen waren etwa Industriellenvereingung-Präsident Veit Sorger, Bawag-Generaldirektor Ewald Nowotny und Verwaltungsgerichtshofpräsident Clemens Jabloner und - was bei ihrer Begrüßung für erstauntes Raunen sorgte - ORF-Generaldirektorin Monika Lindner. Letztere hatte mir ihrem Beifall für Bundeskanzler Wolfgang Schüssels "Rede zur Lage der Nation" bei der Opposition für helle Empörung gesorgt - nun lauschte und applaudierte die ORF-Chefin Gusenbauers Rede.

Dieser wünschte seinen Gästen zum Schluss übrigens "Viel Glück". Und adressierte damit wohl vor allem sich selbst. (red/ DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2006)

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    Dekoration mit Rosa statt roten Rosen: SPÖ-Chef Gusenbauer mit Lebensgefährtin Eva Steiner.

  • Demonstrative Einigkeit für die anwesenden Fotografen: Gusenbauer mit Wiens Bürgermeister Häupl.
    foto: standard/hendrich

    Demonstrative Einigkeit für die anwesenden Fotografen: Gusenbauer mit Wiens Bürgermeister Häupl.

  • Applaus von höchster ORF-Seite: Generalintendantin Lindner besuchte auch die SPÖ.
    foto: standard/hendrich

    Applaus von höchster ORF-Seite: Generalintendantin Lindner besuchte auch die SPÖ.

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