Gewitzte Bilder mit falschem Zwilling

10. Juli 2006, 19:04
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Die Geschichten des Startänzers Antony Rizzi über Rollen, die er nie gespielt hat

Als Solotänzer bei William Forsythes Frankfurt Ballett hat es Antony Rizzi zu Starruhm gebracht. Zwanzig Jahre, von 1985 bis 2005, tanzte der gebürtige Amerikaner zahlreiche Hauptrollen des legendären Ensembles und entwickelte viele von ihnen mit.

Ebenso arbeitete er unter anderem mit Jan Fabre, Jan Lauwers, Saburo Teshigawa oder Amanda Miller. The Role I Should Have Done basiert auf all den Ideen, die Choreografen für Rizzi hatten, aber nie verwirklicht wurden. "Ich erinnere mich an eine Reihe dieser Dinge über die Jahre und forme eine Version von all dem, was andere Leute in mir gesehen haben", erklärt der Künstler in einem Interview.

Herausgekommen ist eine fast immer ironische, oft wütende, manchmal pathetische Pseudo-Selbstbeschau, deren kompositorische Kraft aus einer Überfülle peinlicher Privatheiten in brüchigen Szenen gewitzte Bilder macht.

Rizzis hingeschleuderte Textbrocken fliegen gefährlich scharf in Richtung Publikum. Der Opernsänger Eric Lenke unterstützt diese Show der verdrehten Selbstinzenierung mit prosaischem Getön aus Beethovens Neunter, womit gleich zu Beginn ein gigantischer "Clash of Culture and Private Life" inszeniert wäre. Denn die musikalische Bandbreite reicht von Mozart bis Eminem. Auch die Anwesenheit des Tänzers Mario Zambrano macht aus Rizzis großem Solo kein Gruppenstück, denn in den langen Duett-Sequenzen live und auf Video fungiert er mehr als falscher Zwilling denn als eigenständiger Partner.

Nein, bis es passt!

Begehren, Besessenheit, Befreiung, Menschen, die sich zu wichtig nehmen, und zu viel Ernst in den Köpfen - um all das geht es in Rizzis rasanter Tanzverweigerung. "Ich werde nicht tanzen, bis es richtig ist", droht er zu Beginn. "Stellt mich einfach auf 'ne Bühne, wo eine Frau ohne eigene Meinung wartet, bis sie von jemand anders erfährt, was sie von mir halten soll." Solche Sätze spuckt er wütend heraus und ist ungeachtet der proklamierten Trotzhaltung immer in selbstbewusstem Bewegungsfluss.

In der traumwandlerisch stilsicheren Leichtigkeit dieses erbosten Körpers im Raum (und auf der Leinwand) zeigt sich jede Minute einer guten Stunde, warum so viele Choreografen so viele große Rollen für diesen Tänzer geschaffen haben oder das zumindest gern getan hätten. (Judith Helmer /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"The Role I Should Have Done"
im Kasino Schwarzenbergplatz am 23. 7., 21.00
  • Antony Rizzi, ungeachtet seiner proklamierten Trotzhaltung immer in selbstbewusstem Bewegungsfluss.
    foto: impulstanz/rizzi

    Antony Rizzi, ungeachtet seiner proklamierten Trotzhaltung immer in selbstbewusstem Bewegungsfluss.

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