Rückkehr nach La Castellane

11. Juli 2006, 10:10
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Jetzt kommen sie alle und sagen: Erzähl. Warum. Und warum gerade so. Damit wir verstehen. Damit wir abschließen können.

Zinédine Zidane, den sie Yaz oder Zizou rufen, wird vermutlich schweigen. Die Analytiker haben ihr Urteil ohnehin schon gefällt, die Hagiografen tun sich noch ein wenig schwer, aber auch sie neigen zur Nachsicht: Nur eineinhalb Stunden, nachdem Zidane mit einem Kopfstoß gegen den italienischen Verteidiger Marco Matarazzi sein WM-Finale und seine Karriere beendet hatte, wählte ihn die versammelte internationale Sportpresse zum herausragenden Spieler des Turniers. Offensichtlich überstrahlt der Glanz, der vom Mann aus Marseille ausgeht, mühelos seine finsteren Seiten. Erklärungsmuster liegen schon parat, je nach Neigung und Profession aller, die mit dem Fußball die schmerzliche Leerstelle ihres undramatisch und unspektakulär gewordenen Lebens auszufüllen versuchen. Das psychologisierende: Zidane ist aus Frust ausgezuckt, weil er kurz zuvor die große Chance auf das 2:1 vernebelt hat. Weil ihn Materazzi sekkiert und provoziert haben muss, weil er ihn wahrscheinlich das ganze Spiel über beschimpft hat.

Das theatralische: großes Drama, letztes Spiel, einmal noch alles, was diese außergewöhnliche Karriere ausmachte, in konzentrierter Form - die wunderbare Technik Zidanes, seine Beweglichkeit, Antizipationskraft, seine Leidensfähigkeit und, natürlich auch, die Unbeherrschtheit, seine gefürchteten Wutanfälle. Und welch ein Abgang: Statt der Vernunft zu gehorchen und den Weltpokal zu gewinnen, ein letztes Mal noch den unheiligen Furor zugelassen und eine private Rechnung beglichen, quasi als Schlussstrich unter ein Fußballerleben, dessen große Stärke darin lag, sich eben nicht über ein gerade noch erträgliches Maß hinaus verbiegen zu lassen, Unsportlichkeit hin, Jähzorn her. Möglicherweise stimmt ja von allen Vermutungen ein wenig, möglicherweise haben auch die Boshaften recht, die den Sturz des in den Himmel gelobten Franzosen nun als ausgleichendes Wirken eines strengen, aber humorbegabten Fußballgottes begrüßen.

Und möglicherweise ist alles viel einfacher, und als einzigartiges Verdienst des großes Zauberers Zidane aus seinem letzten Spiel wird nicht weniger bleiben, als kurz die Zeit angehalten und allen gezeigt zu haben, was am Grund der oberflächlichen Glitzerwelt des großen Fußballs liegt. Wo der persönliche Grund des 1972 im Ausländergetto La Castellane geborenen Kindes algerischer Einwanderer liegt, in einer jener Satellitensiedlungen Marseilles, die Hetzer wie Jean-Marie Le Pen am liebsten abreißen und ihre Einwohner in die Herkunftsländer zurückverschiffen würden. Zidane lernte Fußball in den Käfigen von La Castellane, wo, gelinde gesagt, andere Regeln gelten als auf den feinen Rasenplätzen, auf denen er später die Welt mit seinen im Käfig erlernten Fähigkeiten in Entzücken versetzen sollte.

Wenn einer der Jungen neue Fußballschuhe bekam, trampelten die anderen solange darauf herum, bis sie nicht mehr neu waren. Wer zurückzuckte, brauchte gar nicht mehr zu kommen. Im Käfig zu spielen, hieß Acht geben zu lernen, hieß schneller zu sein als alle anderen und, wenn es sein musste, härter zuzuschlagen. Im Käfig läuft die Kommunikation anders als an den feinen Fußballinternaten, ein böses Wort wird nicht milder bewertet als ein Tritt, ein Schlag oder ein Kopfstoß. Vor allem regelt ein unbarmherziges Reglement den Verkehr - wer beleidigt wird, schlägt unverzüglich zurück, mit Worten oder mit der Faust.

Am Ende seines letzten Spiels ist Zidane also noch einmal in den Käfig zurückgekehrt. Sicher hat er das so nicht vorgehabt, es hat sich ergeben, ein bitterer Witz, dem er sich nicht entziehen konnte. Nun werden also alle kommen und sagen: Erzähl. Damit wir wissen. Damit wir abschließen können. Möglicherweise wird er sogar erzählen. Wahrscheinlich ist es nicht, denn was im Käfig passiert, bleibt im Käfig. So wird das gespielt in La Castellane. (Samo Kobenter, DER STANDARD Printausgabe 11. Juli 2006)

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    Das ist nicht der Leibhaftige, nur ein Pappkarton beim Empfang der National-Mannschaft.

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