Politisches als Erinnerung an Teheran

10. Juli 2006, 18:47
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Der aus dem Iran stammende norwegische Choreograf Hooman Sharifi macht Tanz mit sozialem Bewusstsein

Was Hooman Sharifi mit seiner Impure Company vor zwei Jahren bei ImPulsTanz zeigte, war das Ergebnis einer intensiven Spurensuche an Orten der jüngeren Zeitgeschichte wie Beirut, Tallinn oder dem Kosovo. Nun sucht er den Stoff seines Solos we failed to hold this reality in mind in der eigenen Vergangenheit. So erzählt Sharifi unprätentiös seine persönlichen Geschichten. Die eines Jugendlichen, der mit 15 Jahren alleine von seinem Heimatland Iran nach Norwegen kommt. Und die eines Tänzers, der sich mit seinen Wurzeln im HipHop und Street-Jazz wie auch mit seinem üppigen Körper jenseits der engen Norm eines traditionellen Tanzbetriebs bewegt.

Doch Sharifi wäre nicht Sharifi, würde er mit der intimen Erzählung nicht auch eine allgemeine politische Aussage verbinden. "Kunst ist gleich Politik, und Politik ist soziales Bewusstsein" lautet das Credo seiner im Jahr 2000 gegründeten Company. Darauf bedacht, keine Multikulti-Klischees zu produzieren, nimmt Sharifi sich viel Zeit für sehr offene, nicht mit Bedeutungen überladene Elemente. Zu klassischer iranischer Musik dreht er seinen wuchtigen Körper um Achsen, die ihn zu Boden zu ziehen scheinen. Sein weißes Leinenhemd ähnelt dabei in seiner Funktion oft der des weißen Bühnenhintergrunds: Es wird zur Projektionsfläche.

Muster des Vorurteils

Persische Teppichmuster huschen über den Körper, der sich wie unter einer schweren Last krümmt. Die Bühne ist wiederholt in Dunkelheit getaucht, wobei es im Zuschauerraum ungewohnt hell wird. Das macht Sinn, denn Sharifis Selbstbespiegelung ist kein Tagebucheintrag: Wer ihr zusieht, soll sich, ausgehend von der Geschichte dieses Tänzers, mit der eigenen Erinnerung, dem eigenen Verständnis und vor allem den eigenen Vorurteilen konfrontiert sehen. Ein hoher Anspruch. (Judith Helmer /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.7.2006)

"we failed to hold this reality in mind"
im Schauspielhaus am 23. + 24. 7., 19.00
  • Stimmen aus Teheran: "Liebe als Kratzer auf dem Gesicht der Gefühle."
    foto: impulstanz/ sharifi

    Stimmen aus Teheran: "Liebe als Kratzer auf dem Gesicht der Gefühle."

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