Mehr als nur ein Feigenblatt

25. Jänner 2007, 12:39
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Es grünt so grün, wenn Architekt, Landschaftsplaner und Bauherr ihre Häuser in vertikale Wiesen, Wälder, Sträucher und sonstiges Gestrüpp hüllen

Es grünt so grün, wenn Architekt, Landschaftsplaner und Bauherr endlich einmal pflanzliche Hand anlegen und ihre Häuser in vertikale Wiesen, Wälder, Sträucher und sonstiges Gestrüpp hüllen. Beispiele im In- und Ausland beweisen, dass Grün mehr als nur grün ist.

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Die Sonne sagt Hallo. Und mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages lassen wir die Jalousien runterrasseln, ziehen am Schnürchen vom Rollo und klappen flink die Fensterläden zu. Denn ohne Beschattung - das lernt man im Architekturstudium genauso gut wie im lehrreichen Alltag - wird die Wohnung zu einem Dampfgarer der Größe XXL, das gemütliche Wohnen ist trotz sonnigen Sommers bald dahin.

Doch die Natur hat uns einen noch viel besseren Schattenspender beschert. Denn während sich die Flora im Winter bis aufs nackte Geäst auszieht und dem spärlichen Sonnenlicht bis tief in den Wohnraum auf die Fährte hilft, hüllt es sich in sommerlichen Tagen in ein dichtes Blätterkleid und bewahrt uns vor der brütenden Hitze.

Wem indes der Baum zu groß und das Gestrüpp zu weit erscheint, der kann sich sein grünes Dorado direkt vors Fenster stellen. Was die Architekten als begrünte Fassade bezeichnen, ist in der Realität nichts anderes als ein vertikaler Garten, der gerade in der städtischen Dichte optisch und klimatisch nicht nur für Abwechslung sorgt, sondern auch wahre Wunder wirkt.

So geschehen in Paris, genauer gesagt in einem Stadterweiterungsgebiet im Westen der Stadt. Architekt Christian de Portzamparc hatte den Masterplan für das ehemalige Industrieareal erstellt und bat daraufhin seinen Architekturkollegen Edouard François um ein "schönes" Haus.

Ganz schön grün

"Ich möchte Ihnen ein Geheimnis anvertrauen", leitet François ganz pathetisch ein, "nichts ist so schön und so komplex wie die Natur!" Gesagt, getan, das Grundkonzept stand damit fest. 30 Wohneinheiten wurden in dem "Tower Flower" genannten Projekt zu einem schlichten Wohnturm zusammengefasst, rundherum tummeln sich 380 gigantische Betontöpfe mit stolz sprießendem Bambus.

Die besondere Bambusart, die selbst dem unwirtlichen Winter widersteht, wurde in China ausfindig gemacht und anschließend nach Portugal verfrachtet, wo die Sprösslinge während der Bauzeit des Wohnhauses zu stattlichen Sträuchern heranwachsen konnten. Um die Pflanzen nicht der alleinigen Willkür der Bewohner zu überlassen, läuft eine als Reling getarnte Wasserleitung rund um die Balkons und quer durch das Bambusgebüsch. Dass das Grün am Haus keine allzu luxuriöse Maßnahme ist, beweist die Tatsache, dass es sich beim Wohnturm am Pariser Stadtrand wohlgemerkt um einen sozialen Wohnbau handelt.

Ähnliches geschah auch in Wien, als Architekt Rüdiger Lainer seine "Hängenden Gärten" über der Wiedner Hauptstraße anbrachte. Das Haus ist um einen ordentlichen Respektabstand zurückversetzt, zwischen der Laubengang-Erschließung und der Straße wächst sodann eine wild wuchernde Wand aus Weintrauben & Co empor.

"Die begrünte Schicht ist Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Freiraum in der Stadt", erklärt Lainer gegenüber dem STANDARD, "wie schafft man Licht, Luft und Grün in diese entrischen Gassen mitten in Wien?" Außerdem müsse man die Nähe des verkehrsumtobten Gürtels ja irgendwie favorabler machen.

Rosen, Efeu und wilde Reben klettern seit nunmehr drei Jahren am architektonischen Gerüst hoch. Die betonierten Blumentröge, die wie zufällige Kisten in diesem Gitter harren, sind nach oben offen. Zur Straße hin gibt es ebenfalls eine Öffnung, damit sich die Pflänzchen auch nach der Seite strecken können.

Die "Hängenden Gärten" blühen zeitversetzt quer durch fast alle Jahreszeiten. Dieser exakten Choreografie ging eine lange Beobachtungsphase voran - zwei Jahre lang hatte man die Pflanzenkomposition auf einem abgeschiedenen Lagerplatz beobachtet.

Grün kostet nicht viel

Die Betreuung der grünen Fassade schlägt sich nach Auskunft des Architekten erfahrungsgemäß mit etwa 6 bis 7 Prozent auf die Betriebskosten. Diese könne man andernorts jedoch leicht wieder einsparen. Die Landschaftsarchitektin Maria Auböck jedenfalls schwärmt von städtischen Kiwis und dornenlosen Brombeeren: "Pflanzen kosten nicht viel. Eine junge Glyzinie bekommen Sie bereits für 30 Euro, für eine ausgewachsene zahlen Sie um die 1000. Das Hochklettern besorgt sie sich dann schon selbst." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.7.2006)

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    foto: czaja
  • 380 Blumentöpfe säumen das Haus in Paris-Porte d'Asnière. Im Winter karg, im Sommer jedoch wird die Fassade zu einem grünen Schattenspenderkleid.
    foto: czaja

    380 Blumentöpfe säumen das Haus in Paris-Porte d'Asnière. Im Winter karg, im Sommer jedoch wird die Fassade zu einem grünen Schattenspenderkleid.

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