Gefährliches Finale

7. Juli 2006, 18:47
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Franzobel sieht Gänse gegen Schwäne im Finale und erwartet den weltweit größten Flash-Mob

Wann kommt es vor, dass Milliarden Menschen zur gleichen Zeit dasselbe tun? Das Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft ist so ein magischer Moment. Vielleicht der einzige? Doch es ist gefährlich, stehen doch nach 45 Minuten alle Zuseher gleichzeitig auf und sorgen für die Gefahr, die sie eine Halbzeit lang vermisst hatten. Von der Energieversorgung weiß man, dass die Pause, diese gemächliche Zeit, in der man selbst schnell wohin geht, die Kühlschranktüre öffnet, sich des Lichtes vergewissert, ein Brot schmiert, dass dieser Karsamstag eines Fußballspiels die gefährlichste Zeit überhaupt ist. Nie sonst erreicht der Wasser- und Stromverbrauch derartige Spitzen, nie sonst werden weltweit gleichzeitig Millionen Klospülungen und Lichtschalter betätigt.

Und am Sonntag um 20 Uhr 46 oder 47 wird es wieder so weit sein, der weltweit größte Flash-Mob, wenn auch unangekündigt. Bislang ist nie etwas passiert, zumindest weiß man nichts, doch ist die Pause eines WM-Finales, diese gigantische Kühlschrank- und Klogehsynchronizität, brisant. Schon die Resonanz von Milliarden Bierholern könnte eine Verschiebung der tektonischen Erdplatten ergeben, die in Verbindung mit einem weltweiten Stromausfall alle möglichen Katastrophenszenarien ermöglichte - zumindest einen Hollywoodfilm.

Oder man hält in dieser letzten regulären Weltmeisterschaftspause noch einmal den Atem an und lässt die letzten vier Wochen Revue passieren, was freilich auch nicht ungefährlich ist, weil schnell alles verklärt wird. Da erscheint der Herr Lehmann als ein edler Ritter, der mit den Schranzen Klinsi und Jogi den Ruhm seines Burgfräuleins Angelika vermehrte, hat ein ganzes Volk zurück zu seiner Fahne und zu einem gesunden Patriotismus gefunden - was den Deutschen, die in Sachen Geschichtsaufarbeitung tausendmal mehr geleistet haben als zum Beispiel wir Österreicher, nur zu gönnen ist. Lippi küsst Italien aus dem Dornröschenkoma der Skandale, und Zizou ist der Märchenprinz von Deutschland.

Kühlschrank? Klo?

Sonst brachte diese WM nichts Neues. Keine Entdeckungen (außer Ribéry und Grosso), keine neuen Spielzüge, kaum Genialität, nicht einmal Freistoßtricks. Es war eine WM der Verteidiger, des Dichtmachens, bei der die herausragenden Spieler mit Cannavaro, Vieira, Thuram (ev. auch Frings) durchwegs hinten, als Abmelder anzutreffen sind. Selbst die Frage nach dem Sieger ist nicht mehr so interessant, spielen doch zwei ähnliche Systeme, Gänse gegen Schwäne, sodass die letzte Spannung beim Finale wohl die Pause ist, wenn Milliarden sich erheben, Richtung Kühlschrank oder Klo rennen und die Welt erzittert. (Franzobel, Schriftsteller &Dramatiker in Wien.Zuletzt erschien: "Der Schwalbenkönig", Fußball-Kolumnensammlung. DER STANDARD PRINTAUSGABE 8./9.7. 2006)

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