Alpenklima der vergangenen 1.000 Jahre rekonstruiert

7. Juli 2006, 11:10
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EU-Forschungsprojekt "ALP-IMP" präsentiert Ergebnisse im Rahmen der Rauriser Wissenschaftstage: Erwärmung nimmt zu

Salzburg - Wissenschafter verschiedener Disziplinen haben im Rahmen des EU-Forschungsprojektes "ALP-IMP" das Klima der Alpen in den vergangenen 1.000 Jahren rekonstruiert. Erste Ergebnisse der internationalen Forschungszusammenarbeit werden derzeit bei den von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik organisierten Rauriser Wissenschaftstagen im Salzburger Pinzgau präsentiert. Die Veranstaltung soll den Dialog zwischen Forschern und Öffentlichkeit fördern.

Instrumente, Modelle und Proxys

Ziel des Forschungsprojektes "ALP-IMP" sei es, durch fundierte Daten Qualität in die Klimadebatte zu bringen, erläuterte Projektleiter Reinhard Böhm von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Die Abkürzung IMP steht für die drei Säulen des Forschungsprojektes, die als Quellen dienen: Instrumente (meteorologische Messreihen), Modelle und Proxys (stellvertretende Klimazeugen). Für den Alpenraum gibt es die am längsten zurückreichenden und dichtesten Aufzeichnungen über Klimadaten. Ein Beispiel: Das Sonnblick-Observatorium zeichnet Temperatur, Niederschlag und ähnliche Daten seit 1886 auf.

Sieben Parameter untersucht

Zusätzliche Informationen für "ALP-IMP" lieferten computersimulierte Klimamodelle sowie indirekte Zeugen der Wetterentwicklung: Baumringe oder hochalpine Eisbohrkerne, die Rückschlüsse auf Temperatur, Niederschlag und andere Parameter zulassen. Untersucht wurden im Rahmen des Projektes sieben Parameter: Temperatur, Niederschlag, Luftdruck, Sonnenscheindauer, Bewölkung, relative Feuchte und Dampfdruck.

Erwärmung nimmt zu

Klima ist ein sehr komplexes Feld - das zeigen die Ergebnisse. Während nämlich bei der Temperatur ein recht einheitlicher Anstieg an allen untersuchten Stellen feststellbar war, gab es bei anderen Parametern sehr große regionale Unterschiede. "Die Erwärmung nimmt zu. Das gilt für Wien ebenso wie für den Sonnblick oder Marseille", sagte Böhm. Anders schaut es beim Niederschlag aus: Während es für den Nordwesten des Alpenbogens einen stetigen Anstieg der Niederschläge gab, verzeichnete man im südwestlichen Bereich einen Rückgang. "Zwischen 1860 und heute ist der Niederschlag im Südwesten um etwa 15 Prozent zurückgegangen, im Nordwesten hat er um 15 Prozent zugenommen", berichtete Böhm: "Das ist sehr viel." Solche Gegensätze werfen viele neue Forschungsfragen auf.

Verlauf

Die vergangenen 1.000 Jahre Alpenklima fasst Böhm in folgende Perioden zusammen: Um 1000 habe es eine warme Phase gegeben, die jener von heute ähnlich sei. Daten für diese Zeit liefern vor allem Bäume, deren Holzdichte und Jahresringe Rückschlüsse auf Temperatur sowie feuchte oder trockene Perioden erlauben. Danach folgte laut Böhm ein Abkühlungsprozess, der im 16. Jahrhundert sowie um 1850 in kleinen Eiszeiten mündete. So gab es um 1850 auch eine große Ausdehnung der Gletscher. Danach verzeichnete man einen Temperaturanstieg - um rund zwei Grad Celsius von 1850 bis heute, berichtete der Meteorologe.

"Klima viel komplizierter"

"Die Behauptung, dass Extremwerte beim Klima generell zunehmen, ist Unsinn. Das Klima ist viel komplizierter", stellte Böhm klar. Unbestritten sei die Zunahme der Erwärmung. Doch die Details der Wetter- und Klimaentwicklung wären regional unterschiedlich und es sei noch viel Forschungsarbeit notwendig, um die Phänomene zu verstehen und einzuordnen. Bis zum Jahr 1950 wäre der Anstieg der Temperaturen eine natürliche Entwicklung gewesen, danach mache sich auch der durch den Menschen verursachte Treibhauseffekt bemerkbar. (APA)

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