Vor der letzten Stufe ein Vergleich

9. Juli 2006, 18:16
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Italien ist am Sonntag gegen Frankreich der Favorit - Fast nur die Statistik spricht für die älteste Truppe im Turnier - Das Olympia­stadion zu Berlin macht's ihr nicht leichter

Mag sein, Trainer Carlos Alberto Parreira hat über das Ausscheiden seiner Brasilianer im Viertelfinale gegen Frankreich auch so etwas wie Erleichterung empfunden. "Nie wieder Berlin", mag sich der 63-Jährige gedacht haben, "nie wieder diese Stufen."

Am Sonntag müssen die alten französischen Herren von Raymond Domenech den Weg gehen, der Parreira anlässlich der Vorrundenpartie der Seleção gegen Kroatien fast geschafft hatte. Das haben sich Zinédine Zidane und Kollegen am Mittwochabend in München mit dem 1:0-Sieg gegen Portugal selbst eingebrockt.

330 Hindernisse

Sie werden leiden. Von der Umkleidekabine 42 Stufen hinunter bis unter Rasen-Niveau, und dann wieder 13 (!) Stufen hinauf und hinein ins Oval aus mit Sandstein belegtem Granit. Nicht einmal, nein mehrmals sind die gefährlich schmalen, nicht entschärften, weil denkmalgeschützten Stufen zu bezwingen. Nach dem Aufwärmen 13 hinunter und 42 hinauf in die Kabine. Zu Spielbeginn 42 hinunter und 13 hinauf. Zur Pause 13 hinunter, 42 hinauf, nach der Pause 42 hinunter, 13 hinauf, nach dem Spiel - aber dann ist es ja schon egal. der Standard beschritt den Weg einmal (13 hinunter, 42 hinauf) und fühlte sich, obwohl jünger als Parreira, doch recht geschlaucht.

Ein Gutes könnten die Stufen für die älteste Mannschaft des Turniers haben. Vielleicht stolpert Fabien Barthez, zieht sich eine kleine Blessur zu, nichts Ernstes natürlich, aber doch ernst genug, um nicht spielen zu können. Die Chancen der Franzosen, die Italiener im Endspiel zu schlagen, würden sich schlagartig erhöhen. Der 35-jährige Glatzkopf, der dabei war, als Frankreich die Italiener im Viertelfinale der Heim-WM 1998 sowie im Finale der EM 2000 bezwang, zählt, wie gegen Portugal wieder eindrucksvoll bewiesen, zu den schlechtesten Torhütern des Turniers. Auf der Gegenseite steht mit Gianluigi Buffon jener, der gute Aussichten hat, zum besten Schlussmann des World Cups 2006 gewählt zu werden.

Vorteil Italien

Auch sonst wird Italien die Favoritenrolle zugeschrieben. Geht's nach den Nominierungen für den wertvollsten Spieler der WM (MVP), endet die Partie mit 4:3. Mit Buffon, Andrea Pirlo, Fabio Cannavaro und Gianluca Zambrotta sind vier Azzurri vorgeschlagen, die Équipe Tricolore stellt mit Zidane, Thierry Henry und Patrick Vieira drei Kandidaten. Wetten auf Zidane werden keine mehr angenommen. OK-Chef Franz Beckenbauer meint, "dass es einer der Alten richten wird".

Gut möglich aber, dass sich die Technical Study Group (TSG) der FIFA eine Empfehlung von Diego Maradona zu Herzen nimmt und sich, wie schon bei der WM 2002 (Oliver Kahn), für einen in der Defensive Beheimateten entscheidet. Die Kür von Italiens Kapitän Cannavaro wäre ein schönes Sinnbild für die bis dato an Toren zweitärmste WM-Endrunde. "Italien sollte Cannavaro ein Denkmal setzen", riet Maradona. Das will der 32-Jährige am Sonntag im 100. Spiel für die Squadra schon selbst besorgen. 1990, bei der WM in Italien, die den Rekord als torärmste knapp verteidigen wird, war er noch einer der Ballbuben des Halbfinales zwischen Italien und Argentinien und schupfte Maradona die Bälle zu. "Mit dem Finale in Berlin kröne ich einen Traum", sagte der Neapolitaner, der "viel Schlaf, gutes Essen und wenig Sex"für seine Hochform verantwortlich macht. "Er ist Weltklasse", sagt Allenatore Marcello Lippi über den ewig lächelnden Scherzbold von Juventus. Cannavaros Verfassung lässt Lippi auch verschmerzen, dass Italiens Abwehrchef, Alessandro Nesta, auch für das Endspiel passen muss.

Vorteil Blatter

Sonst geht am Sonntag auch ein Wunsch von Joseph S. Blatter in Erfüllung. Nämlich jener nach einem Finale mit den besten Spielern beider Mannschaften. Im Halbfinale agierten die Schiedsrichter denn auch ganz nach dem Willen des FIFA-Präsidenten und ließen die Karten zumeist stecken. So kommt auch Zidane zum würdigsten aller Abschiede. Dies, obwohl dem mit Gelb Vorbelasteten gegen Portugal ein Foul unterlief, bei dem Schiedsrichter Jorge Larrionda unglaubliche Selbstbeherrschung an den Abend legen musste, um nicht zu einer Karte zu greifen. Blatter kann sich das Finale also unbeschwert geben. Auch weil die VIPs weniger Stufen zu bewältigen haben und weil es schon einen Aufzug für Adolf Hitler gab, auf dessen - neu bestuhltem - Platz Blatter sitzen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 7. Juli 2006, Sigi Lützow aus Berlin)

Fünf große Duelle:

WM 1938, Viertelfinale: 3:1 für Italien
WM 1978, Finalrunde: 2:1 für Italien
WM 1986, Achtelfinale: 2:0 für Frankreich
WM 1998, Viertelfinale: 0:0, 4:3 im Elfmeterschießen für Frankreich
EM 2000, Finale: 2:1 n.V. für Frankreich

Der Weg ins Finale:

  • Italien:

    2:0 Ghana
    1:1 USA
    2:0 Tschechien
    1:0 Australien
    3:0 Ukraine
    2:0 Deutschland

  • Frankreich:

    0:0 Schweiz
    1:1 Südkorea
    2:0 Togo
    3:1 Spanien
    1:0 Brasilien
    1:0 Portugal

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      Während Italiens Buffon fängt, dass es eine Freude ist...

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      ...patzt Frankreichs Barthez, dass es zum Fürchten ist.

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      Andrea Pirlo ist das Herz der Squadra Azzurra. Seine Spezialität ist die Universalität, er liefert ganz gerne Pässe in die Spitze und netzt mitunter selbst.

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      Frankreichs Patrick Vieira hält Zidane den Rücken frei und pflegt auch wichtige Tore zu schießen. Der Franzose kickt für Juve, hat also ein italienisches Problem.

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      Gegen Italiens Kapitän Fabio Cannavaro zu spielen, ist kein Honiglecken.

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      Lilian Thuram (rechts), auch kein übler Verteidiger, weiß freilich, wie man Italiener besiegt, er ist Welt- und Europameister.

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