"Das Ganze kann explodieren"

29. Juli 2006, 22:08
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Der Chef des deutschen Bundeswehrverbandes hat große Bedenken gegen den Kongo-Einsatz der Deutschen: Bernhard Gertz im STANDARD-Interview


STANDARD: Kann die Bundesregierung die 780 deutschen Soldaten guten Gewissens in den Kongo schicken?
Gertz: Man muss der Bundesregierung konzedieren, dass sie dafür sorgt, die Risiken zu begrenzen. In letzter Minute hat sie noch drei Transporthubschrauber organisiert, um im Krisenfall rasch evakuieren zu können. Aber das mindert meine Bedenken an der Sinnhaftigkeit des Einsatzes nicht.
STANDARD: Reichen 2000 Soldaten als Unterstützung für die rund 17.800 UN-Soldaten?
Gertz: Die Präsenz der europäischen Soldaten wird keine wirkliche Verbesserung bringen. Eine Wahl macht aus einem Wahlsieger ja noch keinen Demokraten. Die EU müsste mehr für den zivilen Aufbau im Kongo tun. Polizei und Streitkräfte müssen pünktlich und regelmäßig bezahlt werden, damit sie sich nicht mit der Waffe in der Hand selbst bedienen.
STANDARD: Sind die Soldaten, die gerade in den Kongo verlegt werden, von der Richtigkeit des Einsatzes überzeugt?
Gertz: Umfragen zeigen, dass 60 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung gegen den Einsatz sind. Bei den Soldaten ist die Stimmung nicht anders. Es haben ja auch viele Abgeordnete im Bundestag nur mit Ja gestimmt, weil sie der Partei- und Fraktionsraison gehorchten.
STANDARD: Verteidigungsminister Jung erklärt, Weihnachten seien alle Soldaten wieder zu Hause. Der Einsatz soll nur vier Monate dauern. Teilen Sie diese Zuversicht?
Gertz: Da müssten alle Wahlabläufe programmgemäß ablaufen, also bin ich mir da nicht so sicher. Einige Politiker sagen, das Risiko im Kongo sei beherrschbar. Diese Formulierung würde ich mir nicht zu eigen machen. Das Ganze kann durchaus explodieren und wenn das Worst- Case-Szenario eintritt und es zu Opfern kommt, dann wird das für die Regierung sehr unangenehm.
STANDARD: Die Bundeswehr ist auch in Afghanistan und am Balkan. Nun ist ein Einsatz in der sudanesischen Krisenregion Darfur im Gespräch. Kann sich Deutschland weitere Auslandseinsätze leisten?
Gertz: Es war notwendig, auf dem Balkan das Ende von Krieg und Bürgerkrieg herbeizuführen. Nach Afghanistan sind wir gegangen, weil wir gesagt haben: Wenn dieses Land sich weiterhin selbst überlassen bleibt und sich Terroristen von dort aus ungehindert ausbreiten können, dann ist das ein europäisches Sicherheitsanliegen.

Bei Darfur ist das anders. Dort versucht eine Mission der Afrikanischen Union vergeblich das Problem zu lösen, da die sudanesische Regierung gar kein Interesse daran hat. Die deutsche Bundesregierung wäre aber gut beraten, sich nur in einem Unternehmen zu engagieren, dessen politische Konzeption vermittelbar ist. Wenn man mehrere Einsätze anordnet, die man der eigenen Gesellschaft nicht vermitteln kann, ist das eine ganz gefährliche Sache. (Birgit Baumann/ DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2006)

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    Zur Person
    Oberst Bernhard Gertz, 60, ist seit 1993 Chef des Bundeswehrverbandes, der die Interessen von rund 220.000 Soldaten vertritt.

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