Musikrundschau: zu Herzen gehend

6. Juli 2006, 17:00
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Neue Alben von Justine Electra, Carla Bozulich, Johnny Cash, Roddy Frame und The Appleseed Cast

JUSTINE ELECTRA
Softrock
(City Slang/Edel)
Die in Berlin lebende Australierin war in ihrem früheren Leben House-DJ, kombiniert aber auf diesem herzigen und auch zu Herzen gehenden Heimelektronik-Debüt als Songwriterin nichts weniger als eleganten zeitgenössischen R'n'B mit hippieskem Folkrock, zünftig gestrampfter Gitarre und lustig böllernder Drum-Machine. Darüber tut es nicht mehr als nötig kate-busheln. Spannende Sache!

CARLA BOZULICH
Evangelista

(Constellation/ Trost)
Die ehemalige Sängerin der lose an Country-Traditionen anknüpfenden US-Band The Geraldine Fibbers, die zuletzt gemeinsam mit Willie Nelson dessen Meisterwerk The Red-Headed Stranger beklemmend neuinterpretierte, bietet auf ihrem neuen Album laut Eigenbekunden "a sound that you can open your chest with..." Liebe, Schmerz, Verzweiflung, am Ende die Hoffnung auf Gnade und Erlösung: Gemeinsam mit Musikern des allseits geschätzten Constellation-Labels aus Montreal (Godspeed You! Black Emperor, Thee Silver Mt. Zion Orchestra ...) wird hier über frei flottierender, die Herzen brechender Hybrid-Folk- und noise-verschlierter Kammermusik ein persönlicher Exorzismus betrieben, mit dem Bozulich jetzt zu den ganz großen Tragödinnen aufrückt: PJ Harvey, Carla Dillon, Patti Smith ... Ganz groß!

JOHNNY CASH
American Recordings V: A Hundred Highways
(American Recordings/Universal)
43 Minuten aus dem Nachlass, fertiggestellt von Rick Rubin nach Johnnys Tod. Es ist ein sehr, sehr stilles und sehr berührendes Album geworden, auf dem man Verweise auf den nahenden Tod sucht -und selbstverständlich findet. Weil Countrymusik, so sie gut und nicht Sieg Howdy! ist, immer mit einem Fuss im Grab steht. Nachträgliche Sensationen wird sich hier allerdings wohl niemand mehr erwarten. Und auch bekannte, vordergründige Interpretationen bekannter Fremdkompositionen fehlen. Abgesehen vielleicht von Bruce Springsteens Further On (Up The Road) oder Gordon Lightfoods If You Could Read My Mind. Cashs letzte eigene Komposition, Like The 309, und seine Eloge für Ehefrau June, Rose To My Heart, lassen aber doch entschieden die Gänsehaut aufziehen. Am Schluss dieses stillen und eindringlichen Abschieds kommt nach der Schuld die Sühne und nach der Verdammnis die Erlösung: I'm Free From The Chain Gang Now.

RODDY FRAME
Western Skies
(Redemption/ Edel)
Der große schottische Sänger und Geschichtenerzähler Roddy Frame, der in den 80er Jahren mit seiner Wunderband Aztec Camera und dem Jahrhundertalbum High Land, Hard Rain zu den großen Hoffnungen im Pop zählte, veröffentlicht jetzt nach seiner letzten, Gänsehaut erzeugenden Soloarbeit Surf schon wieder ein kleines feines Meisterwerk im Zeichen des stillen, reflektierten Folkpop. Dabei erweist er sich mit schmaler Begleitband einmal mehr als einer der bezauberndsten und melancholischsten Vortragskünstler des Genres. Und auch als Akustikgitarrist ist Frame unschlagbar. Selbst ein Gigant wie Richard Thompson muss hier den Hut ziehen. Fakt.

THE APPLESEED CAST
Peregrine

(Gentlemen Record/Edel)
Die US-Band spielt seit 1997 ähnlich vertrackten und spinnerten, lieblich-süßen und harsch-experimentellen, jedenfalls weit ausladenden Psychedelic-Rock wie die Kollegen von den Flaming Lips. Im Gegensatz zu Wayne Coyne und den Lips vertraut man aber nach wie vor mehr den Gitarren wie den Keyboards. Hier gilt es eine bisher über sechs Alben sträflich unterschätzte Band zu entdecken, die auch zu britischen Einflüssen wie The Cure nicht nein sagt. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

  • Justine Electra: "Softrock"
    foto: city slang/edel

    Justine Electra: "Softrock"

  • Roddy Frame: "Western Skies"
    foto: redemption/ edel

    Roddy Frame: "Western Skies"

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