Sommerkino-Tipps: Wien

5. Juli 2006, 18:46
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14. Juli

Durchblick: Stephen Gaghans Politthriller Syriana ist auf der Höhe der Zeit. Alles hängt zusammen, aber keiner hat den Durchblick. George Clooney ist der CIA-Agent Bob Barnes, dem im Iran eine Rakete abhanden kommt. Die weiteren Handlungsstränge betreffen die Machenschaften globaler Konzerne, einen Energieexperten, der einen Emir mit Rat versorgt, oder auch arbeitslose Ölarbeiter, die in extremistische Kreise geraten ... Die elliptisch arrangierte Montage zeigt Kontexte auf, ohne sie überdeutlich zu machen. Komplex, also zum Wiedersehen prädestiniert.
Votiv, Währinger Str. 12, (01) 317 35 71. 22.00

17. Juli

Dschungeltrip: Ein Mann kommt aus dem Gefängnis frei und bricht auf zu einer Reise in den Dschungel. Lisandro Alonsos Los Muertos ist der vielleicht eindrucksvollste Beleg für das zwischen nachhaltiger Beobachtung und mythischer Verdichtung balancierende neue argentinische Kino. Fast wortlos, aber in seiner Konzentration auf praktische Abläufe äußerst reich an Veranschaulichungen erzeugt der Film einen Sog, dem man sich kaum zu entziehen vermag - ein Film in der Gegenwart.
Stadtkino, Schwarzenbergplatz 7-8, (01) 712 62 76. 19.00

28. Juli

Pop-Art: "Play it straight this time", sollen die Produzenten von Tokyo Drifter Regisseur Seijun Suzuki vor dem Dreh gemahnt haben. Der blieb aber unbeirrt und drehte einen Yakuza-Thriller, der sich mehr an Pop-Art als an kommerzielle Regeln hielt - und seine Freude damit hat, die Konventionen des Genres satirisch aufzubrechen. Die Geschichte um den jungen Tetsu Hondo, der gemeinsam mit seinem einstigen Unterweltboss Kurata den Weg in ein bürgerliches Leben anpeilt, um fortan freier zu leben, ist bloß Vorwand für stilistische Pirouetten.
Kino unter Sternen, Augarten, 0800/66 40 40. 21.30

31. Juli

Doppelspiel: Arnaud Desplechins Rois et Reine heftet sich an zwei Figuren, auf getrennten Wegen: Nora (Emanuelle Devos) und Ismael (Mathieu Amalric) waren einst ein Ehepaar, jetzt lebt jeder von ihnen in seiner eigenen Welt - oder: in seinem eigenen Genre. Beide haben mit Lebenskrisen zu kämpfen: Ismael landet in einer psychiatrischen Klinik, Nora leidet unter der Krankheit ihres Vaters. Einmal als düsteres Drama, einmal als turbulente Groteske, folgt Desplechin den Wirrungen des Daseins mit viel Musikalität.
Kino unter Sternen. 21.30

3. August

Rückschau: Ich ist die Summe aller Bilder: Aus einer Fülle von Bild- und Tonmaterial - von Schnappschüssen über Super-8- und Videoaufnahmen bis hin zu Found Footage - hat Jonathan Caouette ein Coming-of-Age-Videotagebuch erstellt, in dem die queere Identität des Autors ebenso wenig von der leidvollen Biografie seiner (lange Zeit abwesenden) Mutter zu trennen ist wie von seiner Sozialisierung in der Popkultur. Die Kosten: 218,32 Dollar. Das Ergebnis: Tarnation, eine berührende Rückschau bar jeder Nostalgie.
Filmcasino, 5., Margaretenstr. 79, (01) 581 39 00. 19.30

18. August

Täuschungen: Der Film von Lubitsch, den Kurosawa und Hitchcock am liebsten mochten: The Marriage Circle ist eine seiner ersten "Sex Comedies" mit den charakteristischen Verwechslungen, Spiegelungen und Täuschungen. Im Mittelpunkt stehen zwei Ehepaare, glücklich das eine, unglücklich das andere, und ein Arzt, der ebenfalls die glückliche Ehefrau liebt. Die unvermeidliche Folge: ein Chaos von Verführungen und Intrigen. Mit Live-Musik!
Laaer Berg Konzertgarten, (01) 219 58 45. 21.00

28. August

Eruptiv: Die meisten kennen Denn sie wissen nicht, was sie tun wegen James Dean. Hilflose Eltern, aufbegehrende Jugendliche, Messerduelle und Mutproben im Auto: Nicholas Ray verwandelt einen Stoff, der leicht ein wenig didaktisch wirken könnte, zu einem Film zerrissener Aktionsmuster, in dem Zu-Hause-Sein allenfalls in einer verlassenen Villa gespielt werden kann. Die Gewalt ist eruptiv, der Ausdruck (der Körper, der Kamera, des Technicolor) stärker als die Idee (der Handlung).
Arena, 3., Baumgasse 80, (01) 798 85 95. 20.00 (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.7.2006)

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