"Das ist der Spiritus!"

11. Juli 2006, 13:02
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Die "Zentrale Intelligenz Agentur"- ein Internet-Netzwerk mit Sinn fürs Absurde

Wien - Als Kathrin Passig den diesjährigen Bachmann-Preis entgegennahm, setzte sie nebenbei ein so subtiles wie unübersehbares Zeichen. Sie trug ein T-Shirt mit der comic-haften Zeichnung eines Computers, dessen Tastatur nur drei Buchstaben hat: Z, I und A. Damit ist der Zentralen Intelligenz-Agentur aus Berlin wieder ein kleiner Terraingewinn in seiner Kreativ-Guerilla gelungen.

Passig ist Mitbegründerin dieses Netzwerks, in dem Autoren, Grafiker und alle dazwischen einerseits sich austoben, andererseits handfeste und verwertbare Arbeit machen können. Letzteres schlägt sich in Kolumnen für die tazoder Konzepten für hungrige TV-Anstalten nieder, den höheren Nonsens kann man hingegen auf jeder ihrer Webseiten finden.

Er beginnt beim Namen der Agentur, ZIA, über den die Terrorismus-Bekämpfer in Langley, Virginia, wenig Freude haben dürften. Er geht in Mottos weiter, die zum Beispiel die angelsächsische Form des Abwimmelns, man möge auf den Anruf warten, zuspitzt zu "Don't call us, we don't call you". Oder die die Anfeuerung "That's the spirit!"unanfechtbar zu "Das ist der Spiritus!"eindeutschen.

Das alleine würde nicht zum Ruhm der Netzkreativen reichen. Die Geschichte ist länger und geht tiefer. Sie beginnt mit den Höflichen Paparazzi, einem vor sieben Jahren vom ehemaligen Standard- und Zeit-Redakteur Christian "Anko"Ankowitsch gegründeten Internetforum. Jeder konnte hier schreiben, vor allem über Begegnungen mit Prominenten (siehe dazu Ankowitsch und Rubinowitz [Hrsg.]: Wie Franz Beckenbauer mir einmal viel zu nahe kam. 2004).

Tausende sollen damals das Angebot wahrgenommen haben, einige wenige sind länger drangeblieben. Die ZIA bzw. ihr Weblog "Riesenmaschine"kann als eine Fortsetzung dieses Spiritus mit anderen Mitteln gesehen werden. "Sie unterscheidet sich", so der Zeichner und Autor Tex Rubinowitz, "von den gängigen Netztagebüchern dadurch, dass hier nicht Privatpersonen sich gegenseitig Bedeutung vorgaukeln, sondern für eine größere Öffentlichkeit schreiben, mit einer professionellen Redaktion dazwischen."Wichtig sei, dass die Themen neu, ungewöhnlich und keinesfalls schon im Spiegel online erschienen sind. So schrieb etwa Rubinowitz vor Kurzem über einen Marathonlauf in Frankreich, bei dem es darum geht, der steigenden Flut davonzurennen. Einmal im Monat besprechen Holm Friebe und Kathrin Passig "Das nächste große Ding", zuletzt die Beduinisierung der Berufswelt.

Sie stellen große Dinger ohne viel Pathos und mit viel Freude an flotter Vermittlung dar. Darum übernimmt die Berliner Zeitunggern die Netzkolumne. Daher auch der Grimme-Online-Preis 2006 in der Kategorie Kultur und Unterhaltung. Und jetzt noch der Publicity-Schub durch das Klagenfurter Wettlesen.

Aber selbst wenn eine gut eingefädelte kollektive Strategie zum Sieg im Süden verholfen haben soll - was ziemlich unwahrscheinlich klingt -, die sprachliche Leistung ist unbestritten. Mehr ist zu erwarten: Passig schreibt am "Lexikon des unbekannten Wissens". (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 5.7.2006)

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    Kathrin Passig im ZIA-Shirt in Klagenfurt

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