Weitere Turbulenzen bei EADS

27. Juli 2006, 19:50
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Nach dem Rücktritt von Noël Forgeard verkaufen die Briten ihre Airbus-Anteile - Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger sein

Der britische Rüstungskonzern BAE-Systems wollte sich schon seit Längerem aus dem europäischen Airbus-Projekt zurückziehen, konnte sich mit dem europäischen Partner EADS aber nicht auf den Ausstiegspreis einigen. Am Montag schlichtete die Investmentbank Rothschild, indem sie die 20-prozentige Airbus-Beteiligung von BAE-Systems auf 2,75 Mrd. Euro bewertete. Deren Aktionäre müssen dem Verkauf noch zustimmen. Aus der Bilanz der EADS hätte sich ein Wert der britischen Beteiligung von 3,5 Mrd. Euro ergeben, einige Analysten hatten sogar mit bis zu fünf Mrd. Euro gerechnet.

"Management-Probleme"

Der neue Co-Chef von EADS, der Franzose Louis Gallois, räumte am Montag zusammen mit seinem deutschen Amtskollegen Thomas Enders ein, es habe "Management-Probleme" gegeben. Gemeint sind die Lieferverzögerungen beim A380 und der zuvor erfolgte Verkauf persönlicher Aktien durch Forgeard und andere Manager, bei dem alleine Forgeard 3,7 Millionen Euro Gewinn erzielte. Es gelte nun, das Vertrauen von Kunden, Investoren und Anlegern zurückzugewinnen und das Unternehmen neu zu organisieren. "Wir müssen den A380 stabilisieren und unsere Produktstrategie, unsere Prozesse und unsere industrielle Aufstellung vorantreiben", heißt es in der gemeinsamen Erklärung.

Der Abgang des Egozentrikers Forgeard dürfte einiges erleichtern, zumal Gallois als konsensuell gilt. Der neue Airbus-Chef, der Franzose Christian Streiff, verfügt jedoch über weniger Erfahrung in der Luftfahrtindustrie. Dabei muss er nicht nur die Lieferverzögerungen des Riesen-Airbus A380 wettmachen, sondern auch die Neukonzeption des A350 - Konkurrent des Boeing-Dreamliners B787 - in die Hand nehmen.

Wunder Punkt

Die neue EADS-Spitze ließ durchblicken, dass die Kooperation über die nationalen Grenzen hinweg verbessert werden müsse. Damit legt sie den Finger auf den wunden Punkt. Auch wenn der Rücktritt von Forgeard bei EADS wie auch von Gustav Humbert bei Airbus unumgänglich war: Es ist wohl kaum ein Zufall, dass ein Franzose und ein Deutscher gleichzeitig den Hut nehmen müssen. Denn damit bleibt die "Täter-Symmetrie"gewahrt. Solche "nationalen"Motive scheinen bei Airbus oft wichtiger zu sein als strukturelle Lösungen. Das gilt auch für die jüngsten Entscheide, bei denen die Lehren aus der jüngsten Management-Krise nicht wirklich gezogen wurden. Deutsche und Franzosen beschränken sich auf eine Personenrochade, die grundlegende Reform der Entscheidungsabläufe schieben sie jedoch vor sich her.

Heute sind diese Abläufe in erster Linie darauf ausgerichtet, dass sich Deutsche und Franzosen gegenseitig kontrollieren. Am Wichtigsten scheint zu sein, dass keine Gegenseite ein Übergewicht erhält. Das zeugt nicht nur von gegenseitigem Misstrauen, es zeigt auch, dass der "nationale"Aspekt über allem steht. Da kann es nicht verwundern, dass das Geschäft nicht mehr rund läuft.

Dies wäre umso wichtiger, da nicht nur die Briten mit BAE-Systems aussteigen, sondern auch die privaten Hauptaktionäre ihre Kapitalanteile abbauen. Das gilt sowohl für den jungen Konzernchef Arnaud Lagardère (noch 7,5 Prozent EADS-Anteile), der sich lieber um sein Steckenpferd, die französischen Medien, kümmert, als auch für den DaimlerChrysler-Konzern (22,5 Prozent), der sich auf Autos konzentrieren will. (Stefan Brändle, DER STANDARD Printausgabe, 04.07.2006)

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