Die Kumpel wurden Bademeister

29. Juni 2006, 19:36
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Das weststeirische Kohlerevier wurde zur Freizeitregion mit Therme und Golf

Voitsberg - Er sollte auch sichtbar sein. Dieser Wandel vom Kohlerevier zur Frischluft durchfluteten Erholungsregion. Und so holte man Österreichs freundliche Maler, Hundertwasser und Brauer, in die Region. In Bärnbach steht jetzt die drollige Hundertwasser-Kirche, und in Voitsberg brachte Arik Brauer mit seinen Keramikfliesen optisch fröhliche Ablenkung in den Ort.

1990 war hier in der Region der legendäre Karlschacht geschlossen worden. 1957, zur Blütezeit des Bergbaues, der von der 1856 gegründeten Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft"(GKB) gemanagt wurde, förderten 6130 Bergleute mehr als drei Millionen Tonnen Kohle zu Tage. Die Fremdfirmen mitgezählt, lebten hier rund 10.000 Arbeitnehmer vom Bergbau. Zum Vergleich: Die ehemaligen Kohlestädte Voitsberg, Bärnbach und Köflach zählen heute 25.000 Einwohner.

Weststeirische Grubeninfrastruktur

Die weltweite Kohlenkrise erwischte auch die weststeirische Grubeninfrastruktur. Billigere Energieträger wie Erdöl hatten die Kohle verdrängt. Europaweit verödeten ganze Landstriche. Die Weststeiermark nützte aber ihre landschaftlichen Naturressourcen zu einem Paradigmenwechsel. Aus den Grubenareal entstand ein Freizeitpark, auf dem Stollensystem ein Golfplatz, und seit einigen Jahren wird aus den Tiefen des Reviers Thermalwasser geholt. Rundherum wurde die Therme Nova gebaut. Ein ehemaliger "Kohle"-Bürgermeister schupft heute das Restaurant, ehemalige GKB-Beschäftigte sitzen an der Kassa oder ließen sich in die Wellnessbranche umschulen.

Das noch verbliebene industrielle Problem ist das Kraftwerk Voitsberg. Jahrelang schaffte es mit Kohle Energie. Seit den 90ern gab es vom Eigentümer Verbund aber den klaren Etappenplan, das Werk stillzulegen. Ebenso lang gibt es regionale und landespolitische Gegenwehr. Seit Ende Mai 2006 läuft das Werk nur noch in Reserve. Der Landeskonzern Estag hat Interesse angemeldet, das Werk umzurüsten. Zur Befeuerung könnte man übrigens eine verschollene Energiequelle ausbuddeln - jahrelang hatte die Landeshauptstadt Graz in den Schächten so genannten "Bram"(Brennstoff aus Müll) deponiert. (Walter Müller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6.2006)

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