Anti-Stalking-Gesetz ab 1. Juli

29. Juni 2006, 11:09
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Künftig kann Polizei gegen beharrliche Verfolgung einschreiten

Wien/Graz - Mit 1. Juli tritt in Österreich das Anti-Stalking-Gesetz in Kraft, das eine rechtliche Grundlage für das Einschreiten gegen Personen, die andere unablässig verfolgen, bieten soll. Konnte bisher die Polizei erst einschreiten, wenn ein Opfer - in fast 100 Prozent der Fälle Frauen - tätlich angegriffen wurde, so kann nun auch das gezielte Verfolgen bestraft werden.

"Stalking ist meist die Fortsetzung häuslicher Gewalt", erklärt die Leiterin des Grazer Gewaltschutzzentrums, Marina Sorgo. "Wer eine Person widerrechtlich beharrlich verfolgt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr zu bestrafen", heißt es im Strafgesetzbuch.

"Anpirschen"

Der Begriff "Stalking" tauchte erstmals in den 90er Jahren in den USA auf und bedeutet wörtlich "anpirschen". Betroffen sind keineswegs nur Prominente, bei denen die Verfolgung durch hartnäckige Fans immer schon ein Thema war, sondern in erster Linie ganz normale Personen. In vielen Fällen handelt es sich bei den Opfern um Frauen, die sich von ihren Männern trennen wollen oder getrennt haben. "Stalker sind meist Männer, die einen Liebeswahn zu der Frau entwickeln", so Maria Brunner-Hantsch, Grazer Psychotherapeutin und Ärztin für Psychiatrie und Neurologie. "Diese Männer könnten Trennungen nicht reflektieren und führten dann einen Vernichtungsfeldzug gegen die Ex-Partnerin", erläutert die Ärztin. Es handle sich bei den Tätern meist um zwanghafte Persönlichkeiten, die pathologisch eifersüchtig seien.

Herzrasen

Viele Opfer bekommen durch diese massive Beeinträchtigung ihres Lebens Herzrasen, Schlafstörungen, oft sogar Depressionen. "Die Fälle haben sich in den letzten Jahren massiv gehäuft", so Brunner-Hantsch.

Stalking bedeutet nicht nur, eine Person zu verfolgen und sich in ihrem Umfeld aufzuhalten, sondern auch, sie ständig mit Briefen, SMS oder Geschenken zu überhäufen. "Rosen werden genauso so geschickt wie Pizze, Briefe, SMS und Telefonanrufe - zu jeder Tages- und Nachtzeit", schildert die Leiterin des Grazer Gewaltschutzzentrums den typischen Stalker-Terror. Ihrer Erfahrung nach handelt es sich bei Stalkern häufig um Männer, die auch während der Beziehung gewalttätig waren.

Alles dokumentieren

Im Gewaltschutzzentrum wird den Frauen Tipps gegeben, wie sie sich wehren können. Dazu gehört, dem Täter nur einmal unmissverständlich klarzumachen, dass man keine Beziehung mehr möchte, ihn ansonsten aber zu ignorieren. "Wir empfehlen den Frauen auch, alles zu dokumentieren, jede Auflauerung, jeden Brief; das ist wichtig, wenn es zu einer Verhandlung kommt", so Sorgo.

Mit dem neuen Gesetz wurde nun die Grundlage dafür geschaffen, dass die Polizei einschreiten kann, bevor das Opfer angegriffen wird. "Wir hoffen, dass sich nun mehr Frauen als bisher an uns wenden", erklärt Sorgo. (APA, red, DER STANDARD Printausgabe, 28.06.2006)

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