Vernunftehe von Arcelor - Mittal

18. Juli 2006, 11:11
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Nach fünfmonatigem Widerstand übernimmt der indische Rivale Mittal Steel den europäischen Stahlkonzern Arcelor. Damit entsteht der erste weltweite Riese der Stahlbranche

Paris - Das Lächeln wirkte leicht gezwungen, als Lakshmi Mittal und Arcelor-Präsident Joseph Kinsch vor die Presse traten. Vor wenigen Tagen noch hatte das Arcelor-Management die indischen Avancen in aller Form zurückgewiesen. Am Montag begründete Kinsch den Meinungsumschwung damit, Mittal habe sein erstes Angebot von Jänner um fast 50 Prozent auf 27 Mrd. Euro erhöht. Die angekündigte Fusion mit Mittal Steel ist nach Ansicht von Kinsch eine "Vernunftehe". "Ich hoffe, dass diese Vernunftehe auch zu einer Liebesheirat unserer beiden Teams führen wird." Er legte Wert darauf, dass die Mittal-Familie weniger als die Hälfte (43,4 Prozent) des Kapitals an dem fusionierten Unternehmen halten werde. Im Verwaltungsrat säßen neun Arcelor- und sechs Mittal-Vertreter, und auch im siebenköpfigen Direktion übten vier Arcelor-Manager die Mehrheit aus. Der bisherige Konzernvorstand Guy Dollé will das Unternehmen allerdings nicht mehr führen. Er hatte auch ein Zusammengehen mit Mittal lange Zeit abgelehnt. Dollé kündigte an, bei der Hilfe nach einem neuen Konzernchef "behilflich" zu sein.

Fehlendes Kulturverständnis

Unklar ist damit vorerst, wer den Stahlriesen künftig leiten wird. "Ich hätte den Posten gerne übernommen, aber ich glauben nicht, dass das sehr angemessen wäre", sagte der Sohn von Konzerngründer Lakshmi Mittal am Montag vor Journalisten. "Ich brauche noch Erfahrung, um Arcelor und seine Kultur zu verstehen."

Mehr Optimismus verströmte Lakshmi Mittal, der neue starke Mann der Stahlindustrie. Er betonte seinerseits, dass "Arcelor Mittal" – so der Taufname – mit einem Umsatz von über 60 Mrd. Euro und 320.000 Mitarbeitern einer der größten internationalen Konzerne überhaupt werde. In der Stahlbranche werde er dreimal umfangreicher als die Konkurrenten Nippon, Posco (Südkorea) oder ThyssenKrupp.

Die Ankündigung beendet eine erbitterte Übernahmeschlacht, bei der Arcelor die russische Severstal des Milliardär Alexej Mordaschow als „weißen Ritter” zu Hilfe geholt hatte. Aktionärsproteste machten dieses bereits unterzeichnete europäisch-russische Abkommen aber wieder zunichte. Arcelor muss deshalb voraussichtlich eine Vertragsstrafe von mindestens 120 Millionen Euro – vermutlich sogar 130 Millionen Euro – zahlen. Kinsch sagte, man werde zu allen seinen eingegangenen Verpflichtungen stehen.

Kinsch kündigte auch an, dass Arcelor an der für Freitag geplanten außerordentlichen Hauptversammlung festhalten werde. Während des Treffens hätten die Aktionäre eigentlich über den von Arcelor lange bevorzugten Zusammenschluss mit dem russischen Severstal-Konzern entscheiden sollen.

Mittal rief die Arcelor-Aktionäre auf, ihre Titel bis zum 5. Juli für einen Preis von 40,4 Euro einzubringen. Er weigerte sich, das Angebot noch einmal zu erhöhen, wie das der größte Arcelor-Aktionär, der französisch-polnische Geschäftsmann Romain Zaleski, verlangt. Auch einzelne Vertreter des Arcelor-Personal – das 1,4 Prozent des Kapitals hält – riefen noch zu einer Fusion mit Severstal auf; andere Gewerkschafter gaben hingegen keiner Lösung den Vorzug. Für den Fall, dass Mordaschow – wie angekündigt – Mittal noch zu überbieten versucht, werden ihm kaum Erfolgschancen eingeräumt.

Offen ist noch das Schicksal der kanadischen Dofasco, die Arcelor kürzlich gekauft hatte. Mittal will sie an die deutsche ThyssenKrupp verkaufen, doch Kinsch meinte gestern, Arcelor wünsche den Verbleib ihrer neuen kanadischen Tochter. Mittals Sohn Aditya, der auch in dem neuen Unternehmen als Finanzdirektor fungieren könnte, räumte ein, bezüglich Dofasco herrsche noch Uneinigkeit. ThyssenKrupp liess jedoch verlauten, am verbindlich vereinbarten Kauf von Dofasco festzuhalten. Amerikanische Wettbewerbsbehörden könnten den Entscheid eventuell vorwegnehmen und Arcelor/Mittal wegen „dominanter Position” zum Verkauf des kanadischen Konzerns verpflichten.

Eine marktbeherrschende Stellung von Arcelor/Mittal befürchten vor allem auch Automobilhersteller, die bisher davon profitierten, dass die Stahlbranche stark verzettelt ist. Experten rechnen mittelfristig mit steigenden Preisen und einer neuen Phase der Branchen-Konsolidierung. (Stefan Brändle, Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2006)

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