Große Stücke großer Künstler

23. Juni 2006, 21:51
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Die historisch erprobte Symbiose zwischen Meister und Mäzen

Der amerikanische Milliardär und fanatische Sammler J. Pierpont Morgan nannte sie die drei teuersten Worte der Welt: unique au monde (einzigartig). Er sprach aus Erfahrung. Für hunderte von Millionen Dollar hatte er am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts europäische Kunstwerke, Bücher und Manuskripte über den Atlantik geholt und seiner Sammlung einverleibt.

Rekordpreise waren für ihn beinahe Alltag. Einem seiner größten Rivalen, dem Zeitungsbaron Randolph Hearst, der in krankhafter Weise Kunstschätze zusammenraffte und damit zum Vorbild von Orson Welles' Citizen Kane wurde, gelang es sogar, trotz eines astronomischen Einkommens von 160 Millionen Dollar pro Jahr (nach heutigem Wert) mehr als das Zehnfache in Schulden anzuhäufen und sich zu ruinieren.

Kolossale Summen

Kunst und Sammler, Künstler und Mäzene, Genie und Geld haben schon immer in einer engen Symbiose gelebt, und schon für die Werke des griechischen Bildhauers Praxiteles zahlten wohlhabende Zeitgenossen kolossale Summen. Seit der Renaissance waren besonders Maler in diese Logik eingebunden. Ihre Werke waren ideal geeignet, um Wohlstand und Prestige zu demonstrieren und ihrem Auftraggeber eine idealisierte Identität zu verschaffen.

Der zweite Grund für diese enge Symbiose ist prosaischer: Malen kostete viel Geld. Vor der Erfindung von synthetischen Pigmenten und Tubenfarben (die mit dem Malen im Freien und einer Tasche voller Farbtuben übrigens den Impressionismus erst möglich machten) war ein Maler nicht nur an ein Studio gebunden; er musste auch teure Pigmente kaufen und die Farben immer frisch anrühren lassen. Mehrere Assistenten und große Ateliers waren dafür nötig.

Gesamtkonzeption

Maler waren notwendigerweise mittelständische Unternehmer, und sie hingen schon immer von wohlhabenden Kunden ab. Das brachte eine sehr pragmatische Einstellung zur Kunst mit sich: Im siebzehnten Jahrhundert rechneten Meister wie Rembrandt bei Gruppenporträts pro Kopf ab, und der Preis bestimmte auch, wie viel der Meister selbst Hand anlegen würde und was von seinen Gesellen gemalt wurde. Gewöhnlich stammten nur Gesamtkonzeption und die Gesichter der Porträtierten von der Hand des Künstlers selbst.

Romantisches Klischee

Einige von diesen Meistern (die meisten von denen, die wir noch heute kennen) wurden selbst reich durch ihre Kunst. Von Rafael sagten Zeitgenossen, er lebe wie ein Prinz, Michelangelo verlangte und bekam horrende Summen für seine Werke, Rubens baute sich einen Palast und kaufte eine riesige Sammlung zusammen.

Die Liste geht weiter, bis hin zum Society-Star Gustav Klimt, zu Picasso, Jeff Koons und Damien Hirst, dessen Vermögen auf 130 Millionen Euro geschätzt wird. Das romantische Klischee vom armen Künstler, der nur seinem Genie lebt, kann vor dieser historischen Realität nicht bestehen.

Weil der Wert eines Kunstwerkes nur davon abhängt, was jemand bereit ist dafür zu zahlen, sind Sammler und Mäzene aus dieser Dynamik nicht wegzudenken. Rekordpreise und Moden im Kunstmarkt werden von ihnen geschaffen, und sogar der Geschmack einer Zeit wird maßgeblich durch sie mitbestimmt, man denke an die Sammlung Leopold und den bis dahin obskuren Egon Schiele.

Schwerreiche Sammler

Jede Generation von Künstlern wandte sich an eine bestimmte Schicht von Kunstliebhabern. Die großen Künstler der Renaissance hatten ihre Päpste und Familien wie die Medici, die Wiener Sezession hatte Industrielle wie Karl Wittgenstein, zeitgenössische Stars wie Damien Hirst & Co wären undenkbar ohne schwerreiche Sammler wie Saatchi, Flick und Pinault. Ein einziger Ankauf von so einem Sammler kann karriereentscheidend sein, danach stehen die Museen und andere potenzielle Käufer Schlange.

Kunstgeschichtlichen Wichtigkeit

Bei alten Meistern gilt zusätzlich das Kriterium der Seltenheit. Das Werk ist abgeschlossen, die meisten Stücke längst vergeben. Dass der Kunstmarkt heute so überhitzt ist und für große Namen wie van Gogh, Picasso und Klimt immer wieder Rekordpreise erzielt werden, liegt maßgeblich daran, dass kaum noch erstrangige Werke auf dem freien Markt sind. Ein Stück von der Qualität und kunstgeschichtlichen Wichtigkeit der Klimt'schen "Adele" kommt nur dann auf den Markt, wenn eine große Sammlung gezwungen ist, sich davon zu trennen.

Große Stücke großer Künstler gibt es also kaum jemals zu kaufen. Wenn es doch einmal passiert, ist der Preis fast beliebig, beinahe schon ein symbolischer Akt. Leider bedeutet das übrigens auch, dass selbst große Museen kaum noch die Budgets haben, um die wirklich wichtigen Werke anzukaufen.

Medienpräsenz

Bei "Adele I" kommt alles zusammen für einen idealen Kauf, alles stimmt: Sie ist berühmt, sie war zum ersten Mal überhaupt auf dem Markt, ihre jüngste Geschichte gibt dem Bild eine tragische Dimension und eine riesige Medienpräsenz (auch die "Mona Lisa" ist ja nur deswegen so bekannt geworden, weil sie 1911 gestohlen und zwei Jahre später im Triumphzug wieder in den Louvre zurückgebracht wurde), und ihr ikonenhafter Charakter macht sie zu einem Schlüsselwerk ihrer Zeit.

Mit all diesen Qualitäten erfüllt sie das wichtigste Kriterium, das Pierpont Morgan vor hundert Jahren identifizierte: Sie ist unique au monde. (Philipp Blom/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.6.2006)

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