Erster Tag: Parzivals Suche nach dem Schönen

22. Juni 2006, 16:41
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Eröffnung des Bachmann-Wettbewerbs durch Raoul Schrott mit Kritik am Literaturbetrieb

Gemeinsam mit dem Bewerb ist auch die Kritik an ihm in die Jahre gekommen. Oft schon wurde der Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis – oder die Tage der deutschsprachigen Literatur, wie die viertägige Veranstaltung nun etwas sperrig heißt – schon totgesagt. Und doch findet er statt, heuer zum dreißigsten Mal.

Am Mittwochabend wurde das Wettlesen eröffnet. Das Ganze plätscherte ruhig dahin, bis Raoul Schrott seine Eröffnungsrede "30 Paradoxa" hielt. Ausgehend von Parzivals Suche nach dem Schönen und Wahren, die für ihn Literatur ausmacht, holte er zu einem Rundumschlag gegen den Literaturbetrieb aus. Nur ihm könne es einfallen, Texte gegeneinander antreten zu lassen. Nebenbei kriegte auch die Literaturkritik ihr Fett ab, sie beziehe keine Positionen mehr und sei unfähig zur Diskussion formaler Techniken. Bestimmt ist Schrott über das Ziel hinausgeschossen, er hat aber in die richtige Richtung gezielt. Ein Paukenschlag und endlich klare Worte. Die Veranstaltung ließ sich erstmal gar nicht schlecht an.

Ein Eindruck, den man auch nach den ersten vier Lesungen haben kann. Der Österreicher Bodo Hell überzeugte mit seinem an Avantgarde und Sprachkritik geschulten Text, in dem er Versatzstücke aus Werbesprache, Wissenschaftsdiskurs, Bauernregeln, Medizin- und Lebensratgebern kompilierte. Dann widersprach er der Jury – auch das hat es hier lange nicht mehr gegeben.

Über den Text des Schweizers Silvio Huonder, in dem es um ein ungewolltes Kind und einen One-Night-Stand geht, wurde länger diskutiert als vielleicht nötig. Die Hamburgerin Sigrid Behrens fiel mit ihrer Geschichte über einen Mann mit einem kleinen Leben nicht durch, riss aber auch nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Ganz anders Clemens Meyer, der Mann aus dem wilden Osten Leipzigs. Er war durch seinen in diesem Jahr erschienen und vielbeachteten Debütroman "Als wir träumten" mit einigen Vorschusslorbeeren angereist. In einem Interview sagte er: "Ich fahre da nicht hin, um nicht zu gewinnen." Solches ist manchen schon schlecht bekommen, allerdings wusste Meyer die hohen Erwartungen mit seiner handwerklich perfekt gearbeiteten Kurzgeschichte, die im Knast-, Box- und Prostituiertenmilieu spielt, einzulösen. Pauken- und Faustschläge am ersten Tag, es verspricht interessant zu werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Stefan Gmünder aus Klagenfurt
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