Seilbahnunglück von Sölden: Tödliche Routenwahl vor Gericht

19. Juni 2006, 21:13
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Am Donnerstag steht der Pilot des Unglückshelikopters erstmals vor Gericht - ihm wird aber nur Körperverletzung vorgeworfen

Innsbruck - Innerhalb eines Tages soll am Donnerstag geklärt werden, warum neun Menschen gewaltsam sterben mussten. Für einen Tag ist nämlich der Prozess gegen den Hubschrauberpiloten angesetzt, der im vergangenen September das "Söldener Seilbahnunglück"ausgelöst haben soll. Dem 35-jährigen Piloten drohen im Falle einer Verurteilung wegen fahrlässiger Gemeingefährdung und fahrlässiger Körperverletzung unter besonders gefährlichen Verhältnissen bis zu fünf Jahre Haft.

Für die Staatsanwaltschaft ist die Sachlage eindeutig: Der Helikopter hätte am 5. September 2005 auf keinen Fall direkt über die "Schwarze-Schneid-Bahn"im Tiroler Gletscherskigebiet fliegen dürfen. Sowohl die Verordnung des so genannten Luftverkehrsbetreiberzeugnisses als auch das Betriebshandbuch der Hubschrauberbetreiberfirma Knaus hätten dies verboten.

Technisches Gebrechen

Der Pilot wählte für seine Aufgabe, Beton für Bauarbeiten zur Bergstation zu fliegen, dennoch die kürzeste von drei möglichen Routen. Jene, die die Seilbahntrasse kreuzte. Ein technisches Gebrechen führte dann just über der Gondelbahn dazu, dass sich der 680 Kilogramm schwere Betonkübel löste und auf eine Kabine stürzte. An dieser Fehlfunktion hatte der 35-Jährige übrigens keine Schuld, ergab ein Gutachten des Verkehrsministeriums. Ein durch Abrieb entstandener winziger Metallspan hatte den elektrischen Impuls ausgelöst, der zum Öffnen des Lasthakens geführt hatte.

Bei dem Unglück starben drei Menschen in der direkt getroffenen Gondelkabine. Durch die Wucht des Aufpralls gerieten aber auch andere Gondeln unkontrolliert ins Schwingen - sechs weitere Opfer kamen ums Leben, als sie durch die Fenster nach draußen geschleudert wurden. Zu den neun toten deutschen Touristen aus Bayern und Baden-Württemberg, davon sechs Kinder, kommen noch neun schwer verletzte Urlauber.

Zivilklagen anhängig

Acht Zeugen und zwei Sachverständige sind zu der Verhandlung unter Richter Bruno Angerer geladen. Der Strafprozess wird wohl nicht die einzige Form der juristischen Aufarbeitung des Unfalls werden. Angehörige der Opfer haben Zivilklagen sowohl gegen die Hubschrauberfirma als auch gegen die Ötztaler Gletscherbahnen, die Betreiber der Seilbahn, eingebracht. Sie argumentieren, dass der Pilot eine andere Route fliegen oder die Seilbahn kurzzeitig den Betrieb einstellen hätte können.

Sollte der Pilot des Unglückshelis strafrechtlich verurteilt werden, wäre es der zweite Schuldspruch in einem Seilbahnprozess innerhalb eines Monats. Denn am siebten Juni wurden drei der fünf Angeklagten im Verfahren um einen Zwischenfall in Gmunden für schuldig befunden. In diesem Prozess ging es, wie berichtet, um eine Havarie der Grünbergseilbahn im Oktober 2004, bei der ein dreijähriges Mädchen lebensgefährlich und dessen Großmutter schwer verletzt worden ist. Einer der früheren Seilbahnmitarbeiter, die in Wels vor Gericht standen, wurde zu sechs Monaten bedingter Haft verurteilt, zwei weitere Männer erhielten jeweils eine bedingte Geldstrafe von je 1280 Euro. Keines der Urteile ist rechtskräftig. (moe, DER STANDARD-Printausgabe, 19.06.2006)

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    Holzkreuze, die an die Opfer erinnern sollten, standen auch Wochen nach dem Unglück noch auf dem Söldener Rettenbachferner. Donnerstag entscheidet ein Richter, wer Schuld am tödlichen Seilbahnunglück trägt.

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