"Grässlich, dieses harmlose Glück"

19. Juli 2006, 13:50
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Feministin Frigga Haug referierte beim Austrian Social Forum über die Wünsche der Jugend und die Geschlechter-Verteilung im Neoliberalismus

Graz - Die Deutsche Soziologin Frigga Haug war für drei Tage beim Austrian Social Forum (ASF) in Graz, das am Samstag nach über 80 Veranstaltungen zu Alternativen zu neoliberaler Wirtschaft und Politk, mit einer Schlusskundgebung um 16 Uhr zu Ende geht.

In ihren Workshops diskutierte Haug über Wünsche und Zukunftsvorstellungen von elf bis 19-Jährigen sowie über die Geschlechterverteilung im Neoliberalismus. Dazu hat sie mit der Sozialwissenschafterin Ulrike Gschwandtner für das Buch "Sternschnuppen - Zukunftserwartungen von Schuljugend"(Argument-Verlag 2006) über 500 Jugendliche interwiewt. Das Resultat beklagt sie im STANDARD-Gespräch als "depremierend".

Schicksal und Glück

Vor 20 Jahren befragte Haug schon einmal die damalige Jugend: "Damals wollten die Mädchen alle zwei Kinder und einen Mann. Heute haben sich die Geschlechterverhältnisse nur so gesehen verändert, dass die Jungen jetzt auch Kinder haben wollen. Die Mädchen wollen noch immer nicht in die Welt aufbrechen". Dabei sei es vor allem traurig, wie wenig die Jugend ihr Leben selbst in die Hand nehmen wolle, viel eher warte man auf Schicksal und Glück. Und dieses Glück sei ein "gräßlich harmloses, das sie über Eigentum oder das Leben als langen Urlaub, wo einem jeden Morgen das Frühstück serviert wird, definieren".

Was die Neoliberalismus-Debatte im Zusammenhang mit Frauenunterdrückung angeht, so sieht diese Haug etwas differenzierter als viele Mitstreiterinnen am ASF: "Ich habe versucht ihnen zu erklären, dass Neoliberalismus auch ein Teil von ihnen ist. Etwa, wenn es darum geht, dass jeder oder jede auch sein/ihr eigener Unternehmer sein kann."

"Als ich in den 50ern mein Abitur machte, durften Frauen nicht einmal ein eigenes Konto eröffnen. Viele dieser alten Fesseln sind weg, aber es gibt viele, auch neue, die wir heute spüren".

Und gegen diese helfe nur eine Erneuerung des Systems, die untere soziale Schichten miteinschließt, nicht bloße Quoten-Politik im bestehenden System. Gender Mainstreaming ist Haug da nicht genug: "Die Quote ist ein gutes politisches Mittel zum Argumentieren, aber sie kann nicht politisches Ziel sein." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print, 17./18.6.2006)

Zur Person:

Frigga Haug, geboren 1937 in Mülheim/Ruhr, war bis 2001 Professorin für Soziologie in Hamburg, engagierte sich als linke Feministin in der Antiatom- und Frauenbewegung und ist seit 48 Jahren Leiterin des Argument-Verlags.

  • Haug, Mitstreiterin des Feminismus in Deutschland, beim ASF in Graz.
    foto: standard/johann schögler
    Haug, Mitstreiterin des Feminismus in Deutschland, beim ASF in Graz.
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