Kopf des Tages: Der schlaksige Ruhepol im Irrsinn

16. Juni 2006, 19:30
10 Postings

Ewald Tatar, Organisator des Nova Rock im burgenländischen Nickelsdorf

Sein schlimmstes Erlebnis als Veranstalter sei der zwölfstündige Regen im Vorjahr bei der erstmaligen Austragung des Nova-Rock-Festivals gewesen, erzählt Ewald Tatar. Stundenlang hätten er und seine Mannschaft versucht, etwas gegen die Verschlammung des Geländes zu unternehmen, ohne zu wissen, ob es helfen würde, ja, ob man überhaupt die richtigen Maßnahmen setzen würde. Wer dort war, weiß, es hat fast nichts gebracht.

Mit Kritik, die auf derlei - eigen-, fremd- oder schicksalsverschuldete - Ereignisse bei solchen Großveranstaltungen wie das Amen im Gebet kommt, geht der schlaksige Burgenländer nüchtern um. Der Chef des Nova Rock dementiert Fehler nicht, sondern versucht, daraus folgende Erkenntnisse in der Zukunft zu berücksichtigen - soweit das eben möglich ist.

Freunde und Mitarbeiter bezeichnen ihn unisono als geradlinigen, ehrlichen Typen, der sich für alles und jeden viel Zeit nimmt und der seine Entscheidungen im Konsens mit anderen trifft.

Das Veranstaltungsgeschäft hat der 39-Jährige - er lebt mit Lebensgefährtin Marjan und den beiden Kindern Yannick (zwei Jahre) und Anouk (vier Jahre) in Forchtenstein - von der Pieke auf gelernt: 1991 begann er beim traditionsreichen Wiesen-Festival als Bühnengehilfe und Plakatierer, bevor er schließlich Programmchef wurde. Als solcher war er neben der von ihm verantworteten Vielfalt auch für die etwas bemühten Moderationen bekannt, mit denen er jahrelang jede auftretende Band einzeln ankündigte. Das tut er heute nicht mehr.

Heute bemüht er sich, etwas von dem Flair, das ein vergleichsweise familiär anmutendes Festival wie Wiesen bietet, auf Großveranstaltungen wie Aerodrome (2004 und 2005) oder eben Nova Rock umzulegen, das er an diesem Wochenende mit rund 150.000 Besuchern in drei Tagen nicht nur professionell abzuwickeln versucht. Er bemüht sich auch, ein ihnen entsprechendes Rahmenprogramm zu bieten: Dieses reicht vom Bungee-Jump-Kran über pflichtschuldige WM-Übertragungen bis zum Tattoo- und Piercing-Stand.

Als Ausgleich zu diesem organisatorischen Irrsinn geht Tatar - "so blöd das auch klingt" - hin und wieder Angeln oder verbringt ein, zwei Wintermonate mit der Familie in Costa Rica.

Wie viele Bandauftritte er mittlerweile veranstaltet hat, weiß er nicht genau. Immerhin kann er aus der Unmenge aber einen persönlichen Liebling nennen, sowohl als Veranstalter als auch als Fan. Es ist der frankospanische Sänger Manu Chao. Ob dieser globalisierungs- und konsumkritische Künstler sich auf dem von Sponsorenlogos und Kommerz überflutenden Nova-Rock-Gelände wohl fühlen würde, weiß man nicht. Aufgetreten ist er da nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Karl Fluch
  • Artikelbild
    foto: standard/corn
Share if you care.