Erstes direktes Treffen zwischen Regierungschef und Rebellenkommandant

16. Juni 2006, 17:40
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Beratung über Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung - Maoistenführer Prachenda gibt sein erstes Interview

Kathmandu - Zehn Jahre nach Beginn des maoistischen Aufstands in Nepal haben am Freitag die ersten direkten Friedensgespräche zwischen dem Regierungschef und dem Anführer der Rebellen begonnen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, traf Rebellenführer Prachanda am Morgen in der Residenz von Ministerpräsident Girja Prasad Koirala in der Hauptstadt Kathmandu ein.

Ein Mitglied der Rebellen-Delegation, Dinanath Sharma, sagte im Vorfeld, die beiden wollten über die Möglichkeit von baldigen Wahlen für eine verfassungsgebende Nationalversammlung beraten. Die seit April amtierende Übergangsregierung hatte sich einverstanden mit dieser zentralen Forderung der Maoisten erklärt. Nach Angaben des Senders Nepal Television sollten die Maoisten im Laufe des Tages auch Gespräche mit Vertretern des Sieben-Parteien-Bündnisses führen.

Kompromißbereitschaft

Im Gespräch mit der britischen BBC gab sich Maoistenführer Prachanda überraschend kompromissbereit: Hatten die Rebellen bisher auf direkten Verhandlungen mit dem König bestanden, weil der Palast des Monarchen das wahre Machtzentrum sei, will man nun auch mit der neuen Regierungsparteien sprechen.

Die Hoffnung auf eine Einigung mit König Gyanendra hat man offenbar aufgegeben: am Donnerstag stellte Prachandra den Monarchen vor die Wahl, freiwillig die Macht abzugeben oder vor einem Volksgerichtshof zu landen, der eventuell sogar seine Hinrichtung beschließen könnte (die nepalesische Verfassung sieht keine Todesstrafe vor).

Weltrevolution

"Wir wollen die Weltrevolution" zitiert die BBC Prachanda, "andererseits sind wir nicht der Ansicht, dass die Armee eines Staates ein anderes Land angreifen sollte, um für diese zu kämpfen". Jedenfalls sei die Zukunft Nepals, wie sie sich die Maoisten wünschen, gerade im Entstehen: Klassen- Kasten- und Geschlechterdiskriminierung würden gerade abgeschafft.

Im vergangenen Jahr hatte sich die Koalition aus sieben Parteien mit den Maoisten zusammengeschlossen und gemeinsam mit den einstigen Erzfeinden Massenproteste gegen König Gyanendra organisiert. Der König hatte Anfang 2005 das Parlament entlassen und seitdem den Himalaya-Staat absolutistisch regiert.

Im April beugte sich Gyanendra den Massenprotesten und setzte das Parlament wieder ein. Die maoistischen Rebellen erklärten sich daraufhin zu Friedensgesprächen bereit, die Ende Mai auf Unterhändler-Ebene begonnen hatten. Rebellenführer Prachanda war 1996 untergetaucht und hatte seitdem einen blutigen Kampf gegen die Monarchie angeführt, in dem mehr als 12.500 Menschen getötet wurden. (APA)

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BBC News: Meeting Nepal's Maoist leader
Guerillakommandant Prachanda tritt erstmals in die Öffentlichkeit

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Maoistenführer Prachenda zeigte sich erstmals in der Öffentlichkeit. Das bisher einzige Foto des Guerillakommandanten stammt aus dem Jahr 2001 (unten)

  • Bild nicht mehr verfügbar
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