Berateraufträge an Aufsichtsräte

11. Juli 2006, 14:39
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Trotz RH-Kritik an den hohen externen Bera­terkosten erhalten nach wie vor Mitglieder des Aufsichtsrats Aufträge von dem Unternehmen, das sie eigentlich kontrollieren sollten

Wien - Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) lassen sich die Unternehmensberatung trotz Rechnungshofkritik weiterhin einiges kosten. Zu Beraterverträgen kamen auch Mitglieder des ÖBB-Aufsichtsrates, der das Staatsunternehmen eigentlich kontrollieren soll, heißt es in den "Salzburger Nachrichten" am Mittwoch. Die ÖBB betonten gegenüber dem ORF-Mittagsjournal, dies sei alles rechtlich einwandfrei. Erst vor drei Monaten hatte der Rechnungshof (RH) vorgerechnet, dass die ÖBB im Zeitraum von 1999 bis 2004 für Beratung 90 Millionen Euro ausgegeben habe.

Entmachtung von Goldmann

Wie die Tageszeitung berichtet, würden "Vertrauensleute" von Bahnchef und Ex-Porr-Manager Martin Huber befördert, während die der SPÖ zugerechnete Manager wie Personenverkehrschefin Wilhelmine Goldmann definitiv entmachtet würden. Bei der Aufsichtsrats-Sitzung am gestrigen Dienstag sei unter Vorsitz von Fredmund Malik, Chef des Managementzentrums St. Gallen, der zweite Personenverkehrsboss Stephan Wehinger zum Sprecher des Vorstandes ernannt worden. Außerdem habe man ihm auch die Marketingagenden von Goldmann übertragen, schreibt die Zeitung. Bisher waren die beiden gleichberechtigte Vorstände.

Zuvor sei Goldmann der Finanzbereich entzogen und an den dritten Vorstand Erich Söllinger übertragen worden. Auch ihre Funktion als Postbus-Aufsichtsratschefin soll sie auf Druck zurückgelegt haben, heißt es in dem Bericht. "Goldmann wird in kleinen Scheibchen demontiert, bis sie die Nerven wegschmeißt", wird aus Bahnkreisen zitiert.

Aufsichtsratstagung

Am Mittwoch tagt der Aufsichtsrat der ÖBB Bau AG. Dort ist der Posten des verstorbenen Vorstandes Thomas Türinger neu zu besetzen. Ausschreibung und das stattfindende Hearing seien laut Zeitungsbericht aber nur ein Proforma-Akt, denn der Sieger stehe längst fest: Alfred Zimmermann, bisher Vorstand der Betriebs AG und zuletzt schon interimistischer Vorstand der Bau AG, sei für den Job vorgesehen.

Zimmermann soll nicht nur selbst in St. Gallen Managementschulungen genommen, sondern mit Malik auch einen Rahmenvertrag abgeschlossen haben, dass ÖBB-Manager dort gecoacht werden. Kolportierte Vertragssumme laut "Salzburger Nachrichten": Eine Million Euro im Jahr. Zimmermann betonte, er sei nur für die Ausschreibung der Schulungen, nicht für die Auftragsvergabe verantwortlich gewesen.

Im Gegensatz zu Malik habe der ehemalige Justizminister Dieter Böhmdorfer keinen Rahmenvertrag für seine Dienste. Der Rechtsanwalt sitzt seit August 2005 in vier ÖBB-Aufsichtsräten (Holding, Bau AG, Betrieb AG, Immobilien Management GmbH) und erhielt von der Immobilien GmbH den Auftrag, 15 Immobilien-Projekte zu betreuen. Der Stundensatz betrage 250 Euro.

Dazu Böhmdorfer in der Zeitung: "Das ist der geringste Stundensatz, den ein Rechtsanwalt haben kann. Ich mache das nur den ÖBB zuliebe. Das ist kein Auftrag, sondern ein Entgegenkommen." Er leite einen Arbeitskreis, weil die Grundstücksverhältnisse zwischen ÖBB, Stadt Wien und Wiener Linien in den vergangenen 40 Jahren nie geregelt worden seien. Böhmdorfer will von lukrativen Einkünften nichts wissen. "Ich erhalte als ÖBB-Aufsichtsrat 25.000 Euro im Jahr und habe dafür freiwillig mein Nationalratsmandat zurückgelegt", wird er zitiert.

Chefsessel bei Werbecenter ohne Ausschreibung

Wie die Zeitung weiter berichtet, hat Monika Steinacker, Geschäftsführerin der Immobilien, die Geschäftsführung des ÖBB-Werbecenters übernommen. Der Posten sei weder ausgeschrieben worden noch sei ihre Bestellung jemals offiziell bekannt gegeben worden. (APA)

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    foto: standard/robert newald
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