Da rollt der Ball drüber

15. Juni 2006, 17:00
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Wenn die großen Fragen des Lebens anstehen, hilft es manchmal, gen Himmel zu schauen. Auch in Berlin

Obwohl die deutsche Hauptstadt ja landauf, landab als sehr säkulare Stadt gilt. Man fragt sich also, was macht die WM, der Fußball mit der Stadt an der Spree und blickt hoch zum berühmten Fernsehturm am Alexanderplatz, der schon zu DDR-Zeiten als "Rache des Papstes" klare Signale sendete.

Von einem religiösen Gefühlsschauer erfasst, erblickt man heute überrascht und ehrfürchtig anstatt der grauen Kugel und dem blinkenden Kreuz im Schein der Sonne: einen riesigen Fußball. Ein sehr großes deutsches Tele­kommunikations­unternehmen hat das Wahrzeichen verwandeln lassen, in den Firmenfarben versteht sich.

Man hielt das wohl für eine peppige Idee zur Fuß­ball-Welt­meister­schaft, die das Land ja ähnlich beschäftigt wie die letzte Papst-Wahl. So schwebt nun der große, mächtige Fußball über der Stadt und über den Köpfen der Berliner. Man kommt nicht umhin, dies als sehr eindeutiges Zeichen zu deuten. Denn nicht nur der Fußball regiert in Berlin, sondern auch Firmen und Unternehmen, die den so genannten "öffentlichen Raum" für ihre Werbezwecke nutzen.

Aspirin

So steht am Reichstag eine zehn Meter hohe und 25 Tonnen schwere Aspirin-Tablette, und dem WM-Sponsor Adidas ist es sogar gelungen, den prominenten Platz vor dem Reichstag mit einer Kopie des Olympiastadions zu bebauen, in der rund 9000 Zuschauer auf einer Riesenleinwand die Spiele verfolgen können. Und das, obwohl Freizeit-Kickern die Nutzung der Wiese in den vergangenen Jahren immer wieder untersagt worden war.

Berlin ist nun eine Stadt, die für jeden Spaß zu haben ist. Je schräger, desto besser. Aber die Okkupation der Stadt durch Konzerne geht vielen zu weit. Die Grünen-Politikerin Franziska Eichstädt-Bohlig beispielsweise wetterte: "Berlin macht sich zum nationalen Rummelplatz." Hinter der Adidas-Arena vermutete sie die "Sehnsucht nach Disneyland". Eine neue Erkenntnis ist das selbstredend nicht, denn der Fußball macht ja schon seit geraumer Zeit nicht nur auf Pop, sondern auch auf Disney.

Und so verwandelt sich Berlin im Dreieck Lustgarten / Museumsinsel, Potsdamer Platz und Siegessäule zum real existierenden Happy-Happy-Fußballland. Rund eine Million Gäste, die Berlin erwartet, werden dort mit aller Kraft bespaßt und bekehrt - von den einenden Kräften des Fußballs. Mit Konzerten, Spielchen, Essen und riesigen Leinwänden.

Fußballfrei

Der einzige Raum, der in Mitte noch fußballfrei sein wird, sind die vielen Baustellen. Fußball-Hasser sollten aber gelassen sein. In vielen Bezirken geht das normale Leben weiter. Und auch in den Prenzlauer Berg, nach Lichtenberg oder nach Treptow darf man sich bedenkenlos wagen. Hier wird die offizielle Fußballkultur weit gehend eine gemütlich-alternative sein. In Kreuzberg etwa findet die Straßenfußball-WM statt. Und im anarchisch-bunten Friedrichshain kann man wohl wieder Zeuge werden, wie die Bevölkerung den öffentlichen Raum auf ihre Weise besetzt, indem sie Sofas, Fernseher und Grills wie schon bei der Europameisterschaft 2004 auf die Bürgersteige stellt und Letztere zu Openair-Locations macht.

Wer dem Fußball aber nun gar nicht begegnen möchte, bleibt am besten zu Hause oder fährt nach Marzahn ins Einkaufszentrum Eastgate. Man kann eines der vielen Freiluft-Kinos besuchen, in Strandbars, in die Bar jeder Vernunft, in die Neue Nationalgalerie gehen oder auf die berühmte Spree-Insel, um dort in Hängematten zu liegen und Cocktails zu schlürfen. Die soll - so verspricht der Veranstalter - weit gehend fußballfrei bleiben. Brandenburg hat sich gleich komplett zur fußballfreien Zone erklärt. Mit der Broschüre "Kahn und Co" lockt das Land mit Bootsausflügen, Wanderungen und Wellness. (Ingo Petz/Der Standard/Rondo/16/06/2006)

Info:

Insel Berlin

Fußballfreie Zone

Festival 06

Das Stadtmagazin Zitty hat in seiner aktuellen Ausgabe das Sonderheft "Nur für Hasser/Nur Fans" mit Tipps und Infos
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