Der Salzbaron und die roten Reflexe

19. Juni 2006, 14:29
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Hannes Androsch stellt Lohnpolitik infrage - ÖGB und SPÖ verweigern Debatte

Wien - Es war vor Kurzem im Klub der Wirtschaftspublizisten, als sich Hannes Androsch wieder einmal in der SPÖ unbeliebt machte: Der Industrielle und "Salzbaron"forderte ein "Ende der produktivitätsorientierten Lohnpolitik". Androsch will, dass künftig nur mehr die Grundgehälter mit der Inflationsrate steigen. Alles Übrige, etwa Gewinnbeteiligungen, solle direkt im Betrieb ausgehandelt werden.

Androsch steht dem ÖGB zunehmend kritisch gegenüber, wie er kürzlich in einem Standard-Interview sagte: "Aus Kräften der Veränderung und Gestaltung sind Kräfte der Erstarrung, Behinderung, Verhinderung geworden."

Im ÖGB herrscht Empörung über Androsch. "Ich kann mir schon vorstellen, dass manche Herren das gerne hätten", meint etwa Karl Proyer, stellvertretender GPA-Bundesgeschäftsführer und zuständig für KV-Politik. Proyer bezweifelt, dass "alle Unternehmer ehrlich ihren Gewinn deklarieren würden, damit die Mitarbeiter auch davon profitieren können."Es gebe Berechnungen, wonach "die Angestellten mittelfristig ein Drittel ihrer Zuwächse verlieren würden."Die Gewerkschafter fürchten, schon die Debatte über ihre KV-Verhandlungshoheit könnte zur weiteren Schwächung des ÖGB führen.

Dabei gibt es auch im Ausland Modelle, wie Lohnabschlüsse auf betrieblicher Ebene flächendeckend funktionieren können. Etwa in Dänemark, wo fast 100 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert sind. Im ÖGB will man, dass alles bleibt wie es derzeit ist. Proyer, selbstbewusst: "Es ist relativ unerheblich, was Androsch sagt."

Damit könnte der Gewerkschafter Recht haben - zumindest, was Androschs Durchsetzungskraft in "seiner"SPÖ betrifft. Denn die Parteispitze will darüber ohnehin nicht diskutieren. Im "Startklar"-Programm etwa finden sich keine Überlegungen zur Lohnpolitik, auch das "10-Punkte-Programm für Frauen"ist Lohnpolitik-frei. Das überrascht insofern, als gerade bei Fraueneinkommen ein Nachholbedarf besteht - siehe anwachsende Einkommensschere. Im "Europäischen Wirtschaftsprogramm"der Sozialdemokraten, beschlossen im März, heißt es: "Die Stellung der Gewerkschaften auf europäischer Ebene soll gestärkt werden. Eine Verstärkung des ,makroökonomischen Dialogs'... zur Verwirklichung einer abgestimmten, produktivitätsorientierten Lohnpolitik auf europäischer Ebene ... ist sicherzustellen."

Zufrieden mit ÖGB

Daran soll, auch nach Bawag-Skandal und ÖGB-Krise, nicht gerüttelt werden. "Wir sehen keinen Grund für eine Änderung", lässt SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer ausrichten. Keine Spur von Distanz zur Gewerkschaft auch bei Finanzsprecher Christoph Matznetter: Die KV-Partner leisteten "ausgezeichnete Arbeit"- und es bestehe kein Grund, an diesem System zu rütteln. Kollektivverträge seien schon deshalb wichtig, weil sie auf der Lohnseite für eine "halbwegs einheitliche Wettbewerbssituation"sorgten.

Nur Industriesprecher Johann Moser sieht die Sache ein wenig differenziert: "Grundsätzlich muss man über alles nachdenken."Auch er sei dagegen, dass die Gewerkschaft geschwächt werde, andererseits müsse man zugeben, "dass viele Unternehmen heute schon ihre Mitarbeiter am Gewinn beteiligen und dass die derzeitigen Lohnabschlüsse auch nicht immer das Gelbe vom Ei sind."

Moser schlägt einen "policy mix"aus verschiedenen Modellen vor - und ein "Pilotprojekt", um alternative Lohnmodelle zu testen. Es könnte sein, dass er mit dieser Idee recht einsam in der SPÖ bleibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2006)

von Petra Stuiber
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