"Es gibt keine Hoffnung in Guantánamo"

28. Juni 2006, 11:27
posten

Ehemalige Häftlinge schildern die Verzweiflung unter den Lagerinsassen

Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind für die Selbstmordversuche von Häftlingen in Guantánamo verantwortlich - dessen sind sich drei ehemalige Lagerinsassen aus Großbritannien sicher: Wer sich in dem umstrittenen US-Gefängnis auf Kuba das Leben nehmen will, strebe nicht nach einem heldenhaften Märtyrertod, sagen Shafiq Rasul, Ruhal Ahmed und Asif Iqbal im Interview. Vielmehr suchten die Häftlinge nach einem Ausweg aus einer ausweglosen Situation.

"Es gibt keine Hoffnung in Guantánamo. Das Einzige, was einem jeden Tag durch den Kopf geht, ist, wie man Gerechtigkeit erlangen oder sich selbst umbringen kann", sagt der 29-jährige Rasul. "Es ist die Verzweiflung, nicht der Gedanke an den Märtyrertod, der einen dort auffrisst."

Film erzählt Drama

Rasul und seine beiden Freunde waren mehr als zwei Jahre lang ohne Anklage auf Guantánamo inhaftiert. Ihre Geschichte - von der Reise zu einer Hochzeit in Pakistan bis zur Haft in dem Lager - erzählt das Doku-Drama "The Road to Guantánamo", dessen Regisseur Michael Winterbottom bei der Berlinale im Februar mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. In den USA läuft der Film Ende des Monats an.

Selbstmordversuche werden in "The Road to Guantánamo"nicht gezeigt. Sie hätten aber mehrfach Suizidversuche mitbekommen, erklären die drei: "Ein saudischer Häftling in der Zelle vor uns hatte genug", berichtete Ahmed. "Wir konnten hören, wie er seine Bettlaken zerriss und an den Maschendraht an der Decke knotete."Sie riefen die Wachen, die den Mann vor dem selbst gewählten Tod bewahrt hätten.

Rasul und seine Freunde berichteten von zahlreichen Misshandlungen und Erniedrigungen während ihrer Haft. So seien Häftlinge geschlagen worden und hätten Videos ansehen müssen, auf denen Gefangene offenbar sexuelle Handlungen aneinander begehen mussten. Andere seien am Boden angekettet, weißen Blitzlichtern und lautstarker Heavy-Metal-Musik ausgesetzt worden.

Im März 2004 wurden Rasul, Ahmed und Iqbal entlassen. Von Normalität sei ihr Leben auch jetzt, nach mehr als zwei Jahren, noch weit entfernt, sagen sie: Sobald sie von einer Promotiontour für den Film "The Road to Guantánamo"wieder in Großbritannien landeten, würden sie befragt oder durchsucht.

Weiter Außenseiter

Sogar zwei Schauspieler, die die ehemaligen Häftlinge in dem Film verkörpern, seien im Februar festgehalten worden. "Das ist beschämend. Wir fühlen uns wie Außenseiter in unserem eigenen Land", sagt Ahmed. (AP/DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2005)

Paisley Todds aus London
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Shafiq Rasul, Ruhal Ahmed und Asif Iqbal (v. li.) wurden im März 2004 nach zwei Jahren Haft im US-Gefangenenlager auf Kuba entlassen. Ihre Geschichte bildete die Vorlage für das preisgekrönte Doku-Drama "The Road to Guantánamo".

Share if you care.