Für immer schön und jung sein?

29. Jänner 2007, 14:42
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Schönheitschirurgie in TV-Shows ist in den USA Alltag -Medienwissenschafterin Bernadette Wegenstein und Schönheitschirurg Walther Jungwirth im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Frau Wegenstein, Sie setzen sich wissenschaftlich mit dem Thema Körper auseinander. Ihre These: Medien und moderne Technologien verändern die Kultur auf der Ebene des individuelle Körperbewusstseins. Wo finden Sie dafür Beweise?

Wegenstein: Die Sehnsucht nach Schönheit ist so alt wie die Menschheit. Deshalb lässt sich ein Schönheitsideal auch immer als Ausdruck einer Kultur begreifen. Zu jeder Zeit gab es Menschen, die dafür Maßstäbe setzten. In der Renaissance waren es Künstler wie Leonardo da Vinci, die auf ihrer ursprünglich religiös motivierten Suche nach dem absolut Schönen auch das Gute und Reine finden wollten. In der globalisierten Medienwelt, in der wir in fünf Minuten durch hunderte Fernsehkanäle zappen, sind die Referenzen diffus. Die Schönheitsideale kommen aus Hollywood, dahinter steht mediale Macht. Größere Busen aufgespritzte Lippen - Körperteile sind zu Accessoires geworden. Wenn die Popsängerin Jessica Simpson sich einen riesigen Busen machen lässt, wollen das viele andere auch. Es gibt Ikonen. Paris Hilton ist ebenfalls eine.

STANDARD: Schönheit ist nicht mehr ein Geschenk der Natur?

Wegenstein: Nein, sondern zunehmend ein Konsumgut, etwas, das man sich leisten kann. Schönheit wird mit Vorher-Nachher-Bildern beworben. Danach ist schöner als vorher.

STANDARD: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Schönheitschirurg?

Jungwirth: Zwischen Europa und den USA gibt es Unterschiede. In den USA geht man ganz offen mit Schönheitsoperationen um. Man zeigt, dass man sich einen neuen Busen hat machen lassen. Die meisten meiner Patientinnen hingegen wollen, dass niemand von einem schönheitschirurgischen Eingriff weiß. Was mich an der ästhetischen Chirurgie motiviert, ist, dass ich das Selbstwertgefühl meiner Patienten steigern kann. Wenn mir das gelingt, habe ich mein Ziel erreicht.

Wegenstein: Das ist aber doch eine sehr mächtige Position, die Sie da einnehmen. Sie sind quasi ein Geheimnisträger, denn Sie bestimmen nicht nur, was Schönheit ist, sondern sind paradoxerweise auch der Einzige, der diese Schönheit dann sieht.

STANDARD:Was ist schön?

Jungwirth: Das ist die schwierigste Frage von allen. Generell kommt Schönheit immer von innen. Ich befasse mich zwar mit Proportionen, ich betone aber immer wieder, dass meine Patientinnen ihre eigene Nase behalten und sie nicht aus dem Katalog aussuchen können. Im Prinzip haben wir zwei Möglichkeiten: einerseits Altersveränderungen korrigieren oder Proportionen verändern. Die meisten meiner Patientinnen sind übrigens sehr schöne Frauen.

Wegenstein: Aber Sie sagen selbst, dass Schönheit von innen kommt. Ich glaube, dass Menschen sich schön fühlen, wenn sich ihr inneres und äußeres Bild in einem perfekten Zusammenspiel befinden. Das äußere Bild ergibt sich aus der Kultur, insofern handelt es sich um Identitätsfindung. Sie sind als Schönheitschirurg mit Identitätsproblemen konfrontiert.

Jungwirth: Diese Position nutze ich niemals aus. Ich rede im Vorfeld sehr ausführlich mit meinen Patientinnen, der psychologische Aspekt ist wichtig. Viele sind auf ein Körperteil fixiert, haben zwar abstehende Ohren, sind aber mit der Nase unzufrieden. Hier würde jede falsche Andeutung neue Probleme hervorrufen, das ist nicht meine Aufgabe.

STANDARD: In ihrem Film, Frau Wegenstein, wird dieses Phänomen als kosmetischer Blick bezeichnet?

Wegenstein: Ja. Wir konnten beobachten, dass der Körper nicht mehr als Ganzes wahrgenommen wird, sondern nur in Teilen. Bei Frauen kann das zu "Body Dismorphic Disorder", zu einer gestörten Körperwahrnehmung, führen. Die Frauen nehmen Einzelteile ihrer selbst nur in einer Art Vergleich mit anderen wahr.

Jungwirth: Das kann ich bestätigen. Für den Lebensgefährten lässt sich fast niemand operieren. Das Bild gegenüber Geschlechtsgenossinnen ist entscheidend.

Wegenstein: Alle Frauen sagen, dass sie mit Schönheitschirurgie etwas für sich machen. Aber genau da sieht man sehr deutlich den gesellschaftlichen Druck, unter dem sie stehen. Als Arzt dürften Sie solche Aussagen im Grunde genommen gar nicht ernst nehmen. Niemand macht etwas nur für sich, wir sind soziale Wesen.

Jungwirth: Damit stellen Sie sehr viel infrage, sogar die Hauptargumentationslinie meiner Patientinnen. Wir sind doch gerne soziale Wesen.

STANDARD: Wer Michael Jackson sieht, hat seine Zweifel. Wo ziehen Sie Grenzen?

Jungwirth: Wir haben unsere Limits, die sich in Aufwand und Methode begründen. Wenn das Gesundheitsrisiko zu groß ist oder Lösungen unbefriedigend sind, lehne ich Patienten ab.

STANDARD: Manche Ihrer Kollegen sehen das nicht so streng.

Jungwirth: Natürlich gibt es schwarze Schafe. Das hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Man verdient ja nicht schlecht, wenn mir selbst das auch nicht so wichtig ist. Ethik lässt sich nicht erzwingen.

Wegenstein: In Amerika haben Schönheitschirurgen kein Problem zuzugeben, dass sie damit reich werden. Sie sehen auch kein Problem darin, eine Frau, die sich wünscht, wie eine Barbie auszusehen, zu so einer zu machen. Cindy Jackson wollte das und ist das durchaus gelungene Produkt der Schönheitschirurgie.

Jungwirth: Ich war noch nie mit einem solchen Wunsch konfrontiert, in Europa ist man zurückhaltender.

STANDARD: Die Schönheitschirurgie ist aber doch auch hier ein Wachstumsmarkt?

Jungwirth: Es gibt keine Statistiken in Europa. Dass wir einen Zuwachs an plastischen Chirurgen zu verzeichnen haben, ist allerdings ein Faktum. Über Patienten können wir hier wenige Aussagen treffen. Wir arbeiten daran, Strukturen zu etablieren.

Wegenstein: In den USA ist die Hemmschwelle zu Schönheitsoperationen bereits sehr niedrig. 40 Prozent aller chirurgischen Eingriffe, das sind 11,9 Millionen Operationen, wurden 2004 aus ästhetischen Gründen vorgenommen. Kollagen- oder Botox-Spritzen sind ganz normal. Daraus ergibt sich eine enorme Konkurrenz unter den Ärzten, jeder will für sich in Anspruch nehmen, besser zu sein. Das hat dazu geführt, dass in diesem Bereich geforscht und entwickelt wird, jeder kann sich am Computer sein Gesicht mit einer neuen Nase simulieren lassen - diese technischen Leistungen sind ja auch Bestandteil einer Kultur.

STANDARD: Wie unterscheidet man gute von schlechten Vertretern der Zunft?

Jungwirth: Das, was ich mache, kann jeder sehen. Patienten müssen selbst entscheiden. Meine Arbeit ist, anders als eine Blinddarmoperation, ja für jeden sichtbar.

STANDARD: Warum lassen sich weniger Männer operieren?

Jungwirth: Ich spritze mir seit sieben Jahren Botox, dazu stehe ich. Das eigentliche Problem liegt bei Männern aber woanders. Urologen zufolge glauben 68 Prozent aller Männer, dass ihr Penis zu klein ist - das ist eine Erkenntnis, die sich unter der Dusche ergibt. Es gibt aber derzeit noch keine Methode, einen Penis zu verlängern und die volle Funktionstüchtigkeit zu bewahren. Bei Anti-Aging-Eingriffen erzielen wir gute Ergebnisse. Unsere Gesellschaft wird älter, wir sind länger gesund und wünschen uns, dass unser Aussehen unserer Leistungsfähigkeit entspricht.

Wegenstein: In Kalifornien, also dort, wo Jugendliche wenig Bedenken bei Schönheitschirurgie haben, ist Anti-Aging das zentrale Thema. Besorgnis erregend ist für mich persönlich, dass viele Frauen sagen, sich vor allem die Zeichen ihrer Schwangerschaft durch plastische Chirurgie ausradieren lassen zu wollen. Mutterschaft und ihre körperlichen Spuren sind keine Werte mehr.

Jungwirth: Das beobachte ich hier ebenfalls. Immer öfter wollen Frauen die Stigmata der Schwangerschaft, die erschlaffte Bauchdecke und die abgesunkene Brust, loswerden.

Wegenstein: Es ist bezeichnend, dass sie es Stigmata nennen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.06.2006)

Zur Person

Walter Jungwirth, geboren 1959 in Salzburg, hat in Innsbruck Medizin studiert, dort an der Abteilung für Plastische Chirurgie gearbeitet und seine Ausbildung in San Francisco vervollständigt. 1991 gründete er die Emco-Privatklinik bei Salzburg. Er hat 5000 Operationen durchgeführt und ist seit 2005 im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie.

Bernadette Wegenstein, geboren 1969, hat in Wien Linguistik und Romanistik studiert. Seit 2002 hat sie eine Professur am Institut für Media Studies an der US-Universität Buffalo. Ihr Forschungsschwer­punkt ist der Körper. "Getting under the skin" ist der Titel ihres eben veröffentlichten Buches. Ab Herbst wird sie an der Johns-Hopkins-Universität arbeiten. Wegenstein ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Info

Ausschnitte aus "Madeover in America", der Doku zur US- Schönheitsshow "The Swan", den Wegenstein mit Regisseur Alan Rhodes gedreht hat, wer- den am 12.Juni um 18 Uhr im Schikane- der-Kino, Margaretenstr. 24 ge- zeigt. Anschließend lädt Frau- enstadträtin Sonja Wesely zur Podiumsdiskussion.

Das Gespräch führte Karin Pollack

  • Walther Jungwirth
    foto: standard/kolarik andreas

    Walther Jungwirth

  • Bernadette Wegenstein
    foto: standard/regine hendrich

    Bernadette Wegenstein

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