In der Tokioter Global-Grabkammer

11. Juni 2006, 19:43
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Jossi Wielers Kabuki-Stückadaption im Wiener Museumsquartier: "Yotsuya Kaidan - Gespenstergeschichte aus Yotsuya"

Wien - Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, einer der großen Todesspezialisten auf dem deutschsprachigen Theater, unterhält zu Geisterwesen eine geheimnisvoll innige Beziehung: Er hat in einer der erschütterndsten Inszenierungen der letzten Jahre die Alkestis des Euripides, die anstelle ihres Gatten aus freien Stücken in die Unterwelt hinabsteigt, um vom unerschrockenen Herakles unverhofft wieder ausgelöst zu werden, in München als wiederauferstandene Tote zurückgewonnen: als Gesellschaftsdame, die in einem schwarz holzgetäfelten Adenauer-Familienschrein zum blutlosen Weiterleben verdammt war. Im Wiener Museumsquartier, wo er nun seine als Koproduktion in Tokio erarbeitete Version des aberwitzig todestrunkenen Kabuki-Stückes Tokaido Yotsuya Kaidan zeigt, hat sich gleich eine ganze Gesellschaft selbst überlebt. Denn anstatt, wie in der Vorlage aus 1825, den Verfall einer "ständischen Ordnung" vorzuführen, die ihre beschäftigungslos gewordenen Samurais zur kriminellen Verausgabung anstiftet, kühlt Wieler die volkstheatralische Betriebstemperatur der japanischen Geister-Scharteke gleich ganz auf zeitgenössischen U-Bahn-Frost herunter.

Klinisch kalt ist der Erlebnisraum im postindustriellen Nippon. Perfekt geeignet zur Aufbewahrung von Prostituierten und Zuhältern in schieferhell gewundenen Bahnsteiglandschaften (Bühne: Kazuko Watanabe), die durch das aufklaffende Maul einer pneumatischen Schiebetür betreten werden. Transaktionen des Begehrens werden mit der Verstreuung von Yen-Scheinen mehr angedeutet denn zelebriert. Der Schmutz, den diese Nachtwandler abzustreifen wünschen, sitzt nicht porentief, sondern inwendig - in den Fältelungen nervlicher Alltagskostüme vergraben.

Der ruchlose Gattinnenmord des sittlich haltlosen Iemon (Makoto Kasagi), der sein Weib vergiftet, um fortan von ihr als Geist heimgesucht zu werden, wird mit der somnambulen Sicherheit eines Patricia-Highsmith-Komplotts durchgeführt. Die traditionellen Begriffe von Anstand und Ritterlichkeit sind am ehesten noch an der statuarischen Starre dieser Unterwelt-Dummys abzulesen, die in den Gemütspanzern ihrer globalkulturellen Überformung gefangen sitzen wie die tragisch unzeitgemäßen Panzerreiter aus Akira Kurosawas Ran.

Kunst des Paradoxons

Wieler ist mit dem Tokioter Theater X ein seltenes Paradoxon gelungen: Er hat eine kaum überschaubare alte Kulturtechnik - das Kabuki-Theater - dem verlangsamenden Bad einer westlich geprägten Erfahrungswelt ausgesetzt. Er gestattet sich eine bedachtsam durchgeführte Geisterpräparierung: Kratzt Moderneverlierer aus verschossenen Kimonos - und erweist obendrein, dass der Zusammenschluss alter Traditionsbestände zur beglückenden Weltkultur eben keine Betriebsamkeit, sondern Kältestarre erzeugt. Man freut sich über das Wiedersehen mit dem Brook-Schauspieler Yoshi Oida (ein Intrigant als Zuhälter im Hawaii-Hemd). Man gewahrt nicht ohne Verwunderung ein Mitsprechen von Regie-Anweisungen, die "Kurzschwert" sagen, wenn sie ein ordinäres Springermesser meinen. Soll man zugeben, dass es trotzdem etwas langweilig gewesen ist? Dass man manchmal ermüdet der Laufschrift über dieser Tokioter Grabkammer folgte? Man muss. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2006)

Von Ronald Pohl
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    Makoto Kasagi in der Rolle des herrenlosen Samurai Tamiya Iemon und Kiyomi Tanigawa als Iemons Frau Oiwa

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