Kommentar der anderen: Alle mal mitheulen?

9. Juni 2006, 19:30
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Handke und der Journalismus (II): Von Niki Glattauer

Vergeblich warte ich darauf, dass sich einer von Handkes Freunden äußert, deutlicher gesagt: sich ihm an die Seite stellt. Wo bleiben sie, Handkes Kollegen, die sonst so gern das Wort vom freien Wort in den Mund nehmen? Wo Handkes sonst nicht um pointierte Sätze verlegene Verleger, die ihr Geld mit seinen Sätzen machen, gerade den unbequemen?

Wie merkwürdig stattdessen die Stellungnahmen jene, die bisher ihre Meinung bekundeten. Elfriede Jelinek: Eigentlich will ich ja nicht sagen, dass ich zuerst schon sagen muss, dass Milosevic kein Guter ist, aber wenn Handke das unbedingt sagen will, sollte er schon dürfen, obwohl ich es ja gar nicht verstehe, aber das sag ich jetzt schon überhaupt nicht, wie komm ich dazu.

Oder Biljana Srbljanovic, die in ihrer Reaktion auf Handkes Rechtfertigung (STANDARD, 5. und 6. 6.) zu wissen glaubt, dass Handke Serbien nicht versteht: "Er kann die Sprache nicht, er kennt die Sitten nicht, er hat keine Ahnung von der Wirklichkeit." Oder Egyd Gstättner, der nimmt den Fall zum Anlass für einen launigen Text über Kärntner Schriftsteller, die Moralkeule gegen Handke schwingt er, beiläufig, mittig im Text: "... muss (Handke) sich den Vorwurf gefallen lassen, den Völkermord wenn schon nicht zu rechtfertigen, so auf alle Fälle zu verharmlosen... (STANDARD, 3. 6.) Das kann er doch nicht ernst meinen, denke ich entsetzt: Peter Handke muss sich überhaupt nichts gefallen lassen. Und er tut es auch nicht. Aber wie oft soll er denn noch sagen und schreiben, dass er Krieg, Massaker und Völkermord nicht rechtfertigt, durch nichts und niemanden?

Wie oft soll er denn noch sagen und schreiben, dass es ihm um Krieg, Massaker und Völkermord überhaupt nicht gegangen ist, weder diese festzustellen noch in Abrede, weder darum Tote mit Gegentoten aufzurechnen, noch Unrecht zu zählen, noch es gegenzuzählen? Mich bringt Handke seit damals, 1996 im Akademietheater, zum Nachdenken, nicht nur über die Gräuel des Krieges, sondern über die Gräuel der Begleitkriege. Nachzudenken nicht nur über Massaker und Völkermord, sondern auch über den Umgang mit diesen, den Umgang der Politik mit diesen, den Umgang der Medien mit diesen. Nachzudenken über all die Scheinheiligkeit, mit der jene Kriege zu bösen erklärt werden und andere zu guten, Täter zu bösen und andere zu guten, damals am Balkan, früher schon und immer wieder. Heute im Irak, in Tschetschenien, auf Timor.

Geläutert

Das ist es, was ich bei Handke gelesen habe und gehört, sobald sich ein Journalist einmal die Mühe gemacht hatte nachzufragen. Und ich habe aufmerksam zugehört, denn ich war einst auf der anderen Seite: Die Kriegsreporter haben wir, wir von den gewissen Zeitungen und Magazinen, ins Kriegsgebiet geschickt, weil wir serbische Gräuel beschrieben haben wollten, nicht Gräuel nur. Wer am Balkan der Schuldige war, wussten wir längst, dafür hatte die politische Lage gesorgt, nur die Nahaufnahmen fehlten noch, um die Ferndiagnose mit der nötigen Betroffenheit zu versehen.

Was ich bei Peter Handke später gelesen habe, waren Worte eines Schriftstellers, die dessen Versuchen gefolgt sind, ins Gegenlicht der veröffentlichten Meinung zu blicken. Dort, wo das Gegenlicht zu grell war, hat der Schriftsteller, um daran nicht zu erblinden, die Perspektive gewechselt. Das hat den Schriftsteller nach Kravica geführt und nach Vlasenica, das hat ihn zuletzt wohl auch zum Begräbnis von Slobodan Milosevic geführt.

Denn das macht den Schriftsteller aus. Nicht die "Wirklichkeit" zu beheulen wie die Meute die gelbe Scheibe am Himmelszelt, sondern die Kugel im Weltall zu ahnen und sie zu beschreiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.6.2006)

Zur Person

Niki Glattauer
, Autor, Lehrer und Bildungssprecher des "LIF - die Liberalen", war während des Balkankriegs stv. Chefredakteur von "News".
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