Zur Not wie Rumpelstilzchen

9. Juni 2006, 18:50
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Die 18. WM beginnt mit Deutschland gegen Costa Rica - Der DFB-Kapitän fehlt, Team und Manager sind dennoch sehr zuversichtlich

München - Die Sache mit Oliver Kahn scheint ausgestanden, jetzt aber hat die Sache mit Michael Ballack begonnen. Und von den Weißwursttischen bis hinauf zur Waterkant wird gemunkelt, der deutsche Captain habe, hoch unprofessionell, seine rechte Wade unter- oder überschätzt, sodass er für die Auftaktpartie gegen Costa Rica ausfällt.

Coach Jürgen Klinsmann hat jedenfalls klargestellt: Ballack spielt nicht. "Er hat noch kein komplettes Training mit der Mannschaft mitmachen können." Statt des mit seiner verhärteten Wade Beschäftigen zieht Klinsmann nun eine Alternativoption: "Tim Borowski, aber auch Sebastian Kehl sind gute Alternativen, die diese Rolle ausfüllen können."

Leithammelmäßig wird Miroslav Klose in die Ballackrolle schlüpfen, nicht nur, weil er heute seinen 28. Geburtstag feiert, das heißt: feiern wird er nicht, sondern eher zelebrieren, denn: "An so einem Tag ist es das Wichtigste, dass wir drei Punkte einfahren. "Der Bremer mit polnischem Geburtsort will das Seine dazu jedenfalls beitragen, "meine Fitness ist sehr gut, ich bin im Stande, eine gute WM zu spielen."

Sollten die Deutschen gegen Costa Rica tatsächlich der Papierform entsprechen und gewinnen, so gelänge ihnen damit eine Premiere: Noch nie hat ein WM-Gastgeber das Eröffnungsspiel gewonnen.

Solche eigenen Eröffnungsspiele gibt es allerdings erst seit 1966, da remisierte England gegen Urugay genauso torlos wie vier Jahre später Mexiko gegen die Sowjetunion. Von 1974 an stand das Privileg, ein Eröffnungsspiel zu bestreiten, dem jeweils regierenden Weltmeister zu, 1974 in Deutschland also Brasilien. Aber auch die Südamerikaner kamen gegen Jugoslawien über ein 0:0 nicht hinaus. Dasselbe Schicksal ereilte, wiederum vier Jahre später, Weltmeister Deutschland. Das 0:0 gegen die Polen - auch jetzt wieder Gruppengegner der Deutschen - war übrigens der Auftakt zu einer historisch blamablen WM, die bekanntlich mit dem 2:3 von Córdoba endete.

Positivismus

Von solchen schnöden Erinnerungen ist Oliver Bierhoff, im Gegensatz zu Teamcoach Klinsmann Teammanager der Deutschen, nicht oder noch nicht angekränkelt. Der Optimismus von Klinsmann sei, meint Bierhoff, keineswegs nur gespielt, sondern der für den Erfolg eben erforderliche "Positivismus". Die Mannschaft sei insgesamt ordentlich zusammengewachsen, "ich bin sehr zuversichtlich". So zuversichtlich, dass Bierhoff sogar davon ausgeht, dass Deutschland Weltmeister wird. Und zwar unter anderem auch deshalb, "weil wir bei jeder Heim-WM Weltmeister geworden sind", aber jetzt "Spaß beiseite: uns zeichnet unser Teamgeist und der Siegeswillen aus".

Beides aber sei, meint jetzt der Teamtrainer, verbunden mit einer ausgefuchsten Taktik, die unter anderem auch dazu führen könnte, dass das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica zu einem "Geduldspiel" werden könne, denn die Partie werde "alles andere als ein Selbstläufer" sein.

Erwarten dürfe man sich nur eine in Aktion umgesetzte Willenskraft. "Ich kann versprechen, dass wir uns von der ersten Minute an zerreißen werden." Und sollte das nicht reichen, kann es Jürgen Klinsmann nach der letzten Minute dieses Geduldspiels immer noch selber machen. Und zwar so, wie Rumpelstilzchen es einst getan hat. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9. Juni 2006, ag, wei)

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    Der Himmel über Deutschland hängt vorderhand noch voller Geigen. Ob und wie die klingen, erfährt man ab Freitag, 18 Uhr, live nicht nur in ORF 1.

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