Edelsprit soll das maue Tankgeschäft ankurbeln

22. Juni 2006, 18:49
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Im BP-Forschungs­zentrum in Bochum tüftelt ein inter­nationales Forscher­team an Treibstoffen der Zu­kunft - Eine Reportage

Rauchen ist grundsätzlich verboten auf dem Gelände, das Hantieren mit Streichhölzern und Feuerzeugen ist ebenfalls tabu. Für Autos, Motorräder und andere Vehikel gilt generell Tempo zehn. Selbst Mobiltelefone erregen Argwohn.

"Das Handy bitte nicht nur leise stellen, sondern ganz ausschalten", sagt Ulrich Pfisterer. Er ist so eine Art oberster Sicherheits- und Umweltsheriff auf dem BP-Forschungsgelände in Bochum. Gut 100.000 Liter Kraftstoffe sind hier gelagert. "Die meisten Handys haben einen Motor für den Vibrationsalarm. Wenn so einer angeht und ein Funken fliegt, kann das hier in Nullkommanichts explodieren", sagt Pfisterer und beschreibt mit dem Arm eine Kreisbewegung.

In einer nahe gelegenen Blendstation werden Kraftstoffe für unterschiedliche Anforderungen abgemischt. Auf speziellen Motorprüfständen werden verschiedene Fahrprofile simuliert.

Gas geben und stehen

Harald ist Testfahrer. Eine Viertelstunde sitzt er bereits am Lenkrad, voll konzentriert. Er gibt Gas, schaltet hinauf, schaltet zurück – und kommt doch keinen Meter vorwärts. Das Auto steht auf einem Rollenprüfstand; Harald fährt eine am Computerschirm vorgezeichnete Kurve nach, die stufenförmig hinauf und dann wieder hinunter zeigt. "Dieses Mal geht es um Abgase", sagt Holger, sein Kollege am zweiten Computerschirm im Nebenraum. Noch fünf Minuten, dann ist Pause.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Prüfständen tüfteln knapp 80 Forscher und Forscherinnen in modern eingerichteten Labors an neuen Mischungen und Säften für künftige Antriebssysteme. Biokraftstoffe sind hier ebenso ein Thema wie Wasserstoff und die Brennstoffzelle. Daneben beschäftigt man sich intensiv mit der Verfeinerung herkömmlicher Treibstoffe, aus denen noch mehr Energie herausgeholt werden soll.

"Öl wird es auch die nächsten 40 Jahre geben, Erdgas reicht mindestens noch für 60 Jahre", sagt Ulrich Balfanz, bei BP für die Entwicklung neuer Kraftstoffe zuständig. "Das entlastet das Forscherteam vom Druck, rasch etwas Neues finden zu müssen." Balfanz ist überzeugt, dass konventionelle Treibstoffe die nächsten ein, zwei Dekaden die Oberhand behalten werden.

Druck

Die Mineralölindustrie spürt aber zunehmend Druck, weil der Kraftstoffverbrauch aufgrund sparsamerer Motoren zurückgeht – und damit auch das Geschäft an den Zapfsäulen. Deshalb werden Premiumsorten forciert, bei denen die Margen höher sind als bei herkömmlichem Sprit.

So hat die BP-Forschung in Bochum in Zusammenarbeit mit den Raffinerien Gelsenkirchen den Superkraftstoff Ultimate auf den Markt gebracht, den es in Deutschland auch als Ottokraftstoff gibt, in Österreich und vielen anderen Ländern Europas aber nur in der Dieselversion.

Mit Hilfe dieses Edeldiesels könne die Motorleistung um fünf Prozent gesteigert, das Beschleunigungsvermögen um durchschnittlich 4,5 Prozent verbessert werden. Außerdem sei es möglich, den Kraftstoffverbrauch um etwa zwei Prozent und den Ausstoß von Kohlenwasserstoff und -monoxyd um bis zu 27 Prozent zu senken. Das Premiumprodukt ist aber um etwa sieben Cent je Liter teurer als herkömmlicher Diesel.

Bessere Verbrennungswerte

Seit Mai ist nun eine verbesserte Version von Ultimate auf dem Markt – vorerst nur bei BP in Österreich. Diese unterscheidet sich sich vom Vorgängerprodukt durch noch bessere Verbrennungswerte, was in der Folge den Kraftstoffverbrauch sowie den Schadstoffaustoß nochmals reduziere und die Beschleunigung verbessere, erklärt BP-Manager Ewald Beinhardt.

Beim Motorstand im BP-Forschungszentrum nimmt Rudolf Terschek zwei Einspritzdüsen in die Hand, eine völlig sauber, die andere verrußt. Im Test zeige sich, dass die Düsen bei herkömmlichem Diesel bereits nach 30 Stunden Einsatz verkoken.

Das mit speziellen Additiven versetzte Ultimate könne die Verrußung nicht nur hintanhalten, sondern bereits verstopfte Düsen reinigen. Terschek: "Einspritzdüsen kosten rund 800 Euro das Stück. In jedem Auto sind mindestens vier davon eingebaut. Das zeigt, dass sich durch richtiges Tanken Geld sparen lässt." (Günther Strobl aus Bochum, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.6.2006)

  • Neben hochmodernen Labors gibt es im BP-Forschungszentrum in Bochum auch altbewährte Technik. Im Bild ein Messgerät zur Bestimmung der Oktanzahl.
    foto: standard/strobl

    Neben hochmodernen Labors gibt es im BP-Forschungszentrum in Bochum auch altbewährte Technik. Im Bild ein Messgerät zur Bestimmung der Oktanzahl.

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