Evolutionsbiologe: "Das liegt schon am Testosteron"

6. Juni 2006, 14:00
24 Postings

Die archaischen Wurzeln des Wettbewerbs seien vor allem in Männern angelegt - Gedanken zur Fußball-WM

Wien - Mögen wir die Fußballspiele der WM auch auf den modernsten High-Tech-Fernsehern verfolgen, angesprochen werden dabei vor allem die archaischen Strukturen unseres Gehirnes. "Wettbewerb und Gewinnenwollen ist vor allem in Männern angelegt", sagte Dr. Karl Grammer vom Ludwig Boltzmann-Institut für "Stadtethologie" im Gespräch mit der APA.

Durchsetzungskraft

Fußball - oder besser sein brutalerer Vorgänger - wurde bereits im Mittelalter in England gespielt. Bei den einstigen Schlammschlachten mit rund 100 Männern sei es darum gegangen, mit vereinten Kräften gegen eine gefüllte Kuhblase - bzw. die gegnerische Mannschaft - zu treten, um diese ins Nachbardorf zu treiben. Der unbewusst mitspielende biologische Endzweck war damals wie heute derselbe, meinte Grammer: "Es geht darum, sich durchzusetzen. Denn wer sich durchsetzt, verfügt über die Ressourcen und wer über die Ressourcen verfügt, hat das Sagen".

Dass wettbewerbsorientierte Sportarten vor allem Männer ansprechen, sei daher kein Zufall. "Das liegt schon am Testosteron", so Grammer. Auch die hohe Identifikation mit dem Team sei uns stammesgeschichtlich eingegeben. "Wir sind darauf programmiert, uns in Gruppen zusammenzurotten", sagte der Wissenschafter. Deshalb würde auch der auf dem modernen Fußballmarkt übliche Transfer von Spielern so extrem negative Emotionen hervorrufen. "Wir empfinden das als Verrat. Das macht man nicht", so Grammer.

Endorphin-Ausschüttung

Spieler und ZuseherInnen würden zudem "Opfer" eines weiteren biologischen Phänomens. Das Gehirn belohnt sich, so Grammer, für den Vorgang des Gewinnens selbst und schüttet reichlich Endorphine aus - was zu dem euphorischen "Man-Kann-Es-Nicht-In-Worte-Fassen"-Zustand führt, den Sportler in Interviews nach einer gewonnen Schlacht oft beschreiben wollen. Die ZuschauerInnen erleben diesen Zustand dank Identifikation zumindest teilweise mit.

Die triumphierenden Spieler hätten den Fans allerdings eines voraus: Sie sorgten durch ihren Sieg für einen höheren Status gekoppelt mit höherem Einkommen, was dem Evolutionsbiologen zufolge einen angenehmen Nebeneffekt hat. Sie würden attraktiver für das andere Geschlecht. Frauen würden sich bei der Partnerwahl nämlich vor allem an dem gesellschaftlichen Rang des Mannes orientieren, so Grammer. "Männer mit hohem Einkommen stellen hingegen höhere Ansprüche an das Aussehen", sagte der Wissenschafter. Dies würde auch erklären, warum relativ unansehnliche Fußballer oft sehr hübsche Frauen zur Seite haben.

"Tödlicher Hormoncocktail"

Auch der Hooliganismus lasse sich evolutionsbiologisch erklären, wenn auch natürlich nicht rechtfertigen. "Männer im Alter von 17 bis 24 Jahren haben einen tödlichen Hormoncocktail im Blut", sagte Grammer. Das Testosteron mache die Burschen nicht nur gewaltbereiter und risikofreudiger, sondern verstärke auch die Neigung zu Alkoholkonsum. "Da kann man warnen, was man will", sagte Grammer. Nicht einmal ein gänzliches Verbot von Fußballspielen würde da etwas ändern können. "Dann sucht es sich anderes Ventil wie etwa Bandenbildung", so der Biologe. (APA)

Share if you care.