Mit "Moral" gegen Homosexuelle

14. Juni 2006, 15:26
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Proteste in EU nach Gewaltexzess bei Demo, doch Religion und Politik lenken nicht ein

Für russische Verhältnisse war nichts Außergewöhnliches passiert: Eine Minderheit will für ihre Rechte demonstrieren. Die Behörden verbieten dies. Und weil die Minderheit trotzdem protestiert, wird sie von Einsatzkräften, aber auch von radikalen Gruppen auseinander getrieben.

So war es am Samstag, dem 27. April 2006, als etwa 100 Homosexuelle aus dem In- und Ausland an einer nicht genehmigten Parade teilnahmen. Dabei wurden sie von neofaschistischen Schlägern und militant-orthodoxen Christen attackiert. Der deutsche Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, wurde durch einen Faustschlag im Gesicht verletzt: "Die Sicherheitskräfte haben uns nicht geschützt, sondern unseren Rückzug verhindert." Seitdem fanden vor der russischen EU-Vertretung und jener in Deutschland Protestkundgebungen von Lesben und Schwulen statt. Der Generalsekretär des Europarats, Terry Davis, verurteilte "die homophobe Gewalt".

Prügel vor Lesbenklub

Homosexualität ist in Russland nach wie vor zutiefst verpönt. Zwar schützt die Verfassung sexuelle Minderheiten - aber in einem Land, in dem das Individuum wegen der ausbleibenden Periode der Aufklärung nie zu seinem Recht gegenüber dem Kollektiv gekommen ist, sieht die Realität anders aus: Zur Verbaldiskriminierung kämen körperliche Angriffe, berichtet Jelena Inosemzeva vom Petersburger Lesbenklub "Drei L": "Immer wieder verprügeln Männer vor dem Klub die Gäste."

Die Demo in Moskau sollte die Anonymität durchbrechen. Organisator Nikolaj Alexejew äußerte sich daher zufrieden über den kurzen Auftritt. "Das ist ein großartiger Sieg", sagte er. Teile der russischen Homosexuellenszene sehen das anders. "Wir waren gegen die Demo, weil wir wusste, wie das endet", meint Olga Sidorowa, Betreiberin einer Lesben-Internetplattform.

Generell lebt der Hass auf Andere in Russland erschreckend auf. Bei einer rechtsextremen Gewaltwelle gegen Ausländer wurden in diesem Jahr schon über 15 - vorwiegend - Kaukasier umgebracht.

Vor einer "homosexuellen Gefahr"warnen religiöse Führer wie der russische Mufti Talgat Tadschuddin. Auch die Statements der Politiker sind entsprechend: "Unsere Moral ist auf jede Art und Weise sauber", sagte etwa Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, der in Schladming ein Haus besitzt und Anwärter auf Immobilien in Kitzbühel ist. (DER STANNDARD, Printaausgabe, 6.6.2006)

Eduard Steiner aus Moskau
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