Eine Seelenausleuchtung

5. Juni 2006, 19:07
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Mozarts "Così fan tutte" bei den Festwochen im Theater an der Wien: pointenreich und bisweilen ironisch

Wien - Es gibt heitere Momente, das schon. Wenn Fiordiligi, an der Mauer lehnend, den stürmischen Kavalier ihre Oberweite abtasten lässt, stehen ihre überraschten Koloraturen in einem deutlichen Lustzusammenhang und werden Teil eines musiktheatralischen Moments, bei dem man sieht, dass in Regisseur Patrice Chéreau irgendwo ein Hang zum Blödeln ruhig köchelt.

Im Grunde jedoch lässt ihn die Erkenntnis, dass Begehren hier als eine Art Biene, die von Blüte zu Blüte schwirrt, dargestellt wird, ernst bleiben und zu einem offenen Ende kommen, an dem nicht klar wird, ob die alten Pärchen je wieder zueinander finden werden. Und die Figuren sich im Kreis aneinander klammern, erst einmal verdauen müssen, dass die Wankelmütigkeit und Flüchtigkeit ihrer Gefühle öffentlich wurden.

Dazwischen hat Chéreau schön altmodisch und präzise den Fortlauf der Prüfung zur Ausleuchtung der zusehends verwirrten Seelen genutzt. In einem Hinterhof mit Balkonen herrscht eleganter Klassizismus; einem Choreografen gleich lässt Chéreau die Figuren Distanz und Nähe schildern, er legt mit feinen Gesten seelische Ambivalenz frei und gewährt so einen Blick in die Gefühlsdispute, die sich im Unbewussten der Liebeslehrlinge abspielen.

Die Genauigkeit in der Konvention erlangt ein bisschen Unmittelbarkeit, wenn die Protagonisten ihre Seelenpein im Zuschauerraum herumlaufend darstellen. Aggressiv sind die Herren zu Beginn; sie jagen den alten Mann, Hybris lässt sie jedoch die Wette mit Don Alfonso (eindringlich: Ruggero Raimondi), dem melancholischen Philosophen, eingehen. Schon hier bemerkt man aber, dass sie angstvoll schwankenden Beziehungsboden betreten. Doch ein Zurück gibt es nicht. Hin- und hergerissen zwischen Eifersucht und der Eitelkeit des Eroberers sind Guglielmo (glänzend Stéphane Degout) und Ferrando (tadellos Shawn Mathey) unterwegs in Richtung Erkenntniselend.

Ihre Damen werden sie mittels geringer Gegenwehr mit dem schnellen Wechsel von einem Objekt der Begierde zum nächsten in ein solches stürzen. Bei Dorabella (grandios Elina Garanca) geht es etwas schneller. In puncto Intensität bleibt Fiordiligi (eindringlich, nur vom Timbre her etwas herb: Erin Wall) ihrer Schwester jedoch nichts schuldig. Und Despina ist animierende Zeugin (witzig Maria McLaughlin).

Im Gegensatz zur Zauberflöte lässt Daniel Harding ab von einer etwas schalen Originalklangaskese. Dennoch ist seine Arbeit mit dem Mahler Chamber Orchestra pointenreich und bisweilen ironisch. Sie treibt die Handlung voran, nimmt sich aber klangschön zurück, um auch den innigen Momenten zum Durchbruch zu verhelfen. Profund werden Seelenbewegungen instrumental nachgezeichnet und kommentiert. Applaus als Belohnung. Für alle. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2006)

Von Ljubisa Tosic


7., 9. und 11. Juni, 19.00
  • Mozart-Gefühle: Dorabella (Elina Garanca) und Fiordiligi (Erin Wall, re.).
    foto: festwochen/ribas

    Mozart-Gefühle: Dorabella (Elina Garanca) und Fiordiligi (Erin Wall, re.).

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