Kann denn Bauen Sünde sein?

2. Juni 2006, 16:27
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Die 70er-Jahre gelten allmählich wieder als hip. Was für Mode und Design gilt, kann auch auf die Architektur angewandt werden. Doch die Sanierung ist aufwändig

Die 70er-Jahre gelten allmählich wieder als hip. Was für Mode und Design gilt, kann auch auf die Architektur angewandt werden. Aber Achtung: Die Bausubstanz von damals ist nicht die beste, die Flexibilität der Grundrisse ist sogar von vorgestern. Das macht die Sanierung aufwändig.

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Kann sich heute noch jemand Paris ohne seinen Eiffelturm vorstellen? Dabei galt das Stahlungetüm in seinen Anfängen als bausündiger Schandfleck der Stadt an der Seine. Die erboste Bevölkerung konnte das Ende der Weltausstellung 1889 kaum abwarten, doch das Schicksal wollte es anders, der hassgebeutelte Turm blieb stehen.

Doch wenn heutzutage von Bausünden die Rede ist – wer denkt da nicht unweigerlich an die Waschbeton-Kästen aus den 70er-Jahren? "Unter einer Bausünde versteht man ein oder mehrere Bauwerke, welche die Masse der Einwohner einer Stadt oder Region als zu dieser stilistisch unpassend empfindet", informiert das Online-Lexikon Wikipedia. Und eine solche culpa maxima gibt es an jedem Ort.

In Eisenstadt hat sich das Architekturbüro Purpur eines kleinen, gelben Ekelzwergs aus dem Jahre 1974 angenommen. Wo früher ein Schuhgeschäft mit Dauertiefstpreisen hauste, erstrahlt nun eine Apotheke in neuer Frische. Doch auch über dem geschäftigen Erdgeschoß hat sich einiges getan, womit die Rundum-Verwandlung in eine perlweiße Edelkiste perfektioniert wurde. Ein Umbau dieser Größenordnung ist nicht nur ein kleines Facelifting, bei dem die architektonischen Fältchen wie beispielsweise Erker und Fensterfaschen wegsaniert werden, ein solcher Umbau ist eine rigorose Operation.

Die skurrilen 70er

"Viel Positives kann man über den Umgang mit Bausubstanz aus den Siebzigern nicht anführen", erklärt Architekt Thomas Laengauer von Purpur. "Die bauphysikalischen Werte sind in der Regel katastrophal, die Konstruktionen aus technischer Hinsicht schlichtweg skurril." Leicht sei der Umbau daher nicht gewesen, vom ökonomischen Standpunkt her musste man so manche architektonische Maßnahme als unausweichlich akzeptieren. "Die Dämmwerte der Bausubstanz waren so schlecht, dass ein Vollwärmeschutz in diesem Falle unumgänglich war."

Auch in Wien wurde ein Gebäude aus gar nicht schöner Zeit generalsaniert, in diesem Falle die Raibau-Zentrale (Auftraggeberin Raiffeisen Bausparkasse) auf der Wiedner Hauptstraße. Das altersschwache Gebäude aus dem Jahre 1978 (Architekt Peter Czernin, verantwortlich u. a. auch für das Hotel Marriott in Wien) wurde komplett entkernt, innen neu strukturiert und in eine völlig neue Fassade gehüllt.

Architekt Armin Ebner von den zuständigen BEHF-Architekten: "Die Gebäude, die vor etwa dreißig Jahren errichtet wurden, entsprechen kaum mehr den heutigen Anforderungen in puncto Bauphysik, Haustechnik und Raumerlebnis." Tatsache ist, dass man heute von allem mehr braucht, als gegeben ist: mehr Wärmedämmung, besseres Heizsystem, intelligente Lüftungs- und Kühlungskonzepte, mehr Elektroleitungen und nicht zuletzt auch mehr Flexibilität bei den Grundrissen.

Warm anziehen

Das Problem daran ist, dass sich Stahlbeton aber nur schwer bearbeiten lässt, vor allem die niedrigen Raumhöhen sind buchstäblich für alle Ewigkeiten hinbetoniert. Ebner: "Die Anforderungen an das Wohnen und an Bürokonzepte haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert, gute Raumaufteilungen und Konfigurationen sind in der alten Substanz nicht immer leicht unterzubringen."

Auch Karin Stieldorf, Assistenzprofessorin für nachhaltiges Bauen an der TU Wien, sagt unmissverständlich: "Spezielle Vorteile bei Bauten aus den Siebzigern sind mir nicht bekannt." Der Dämmstandard sei damals besonders niedrig gewesen, der Zuschnitt der Wohnungen heute nicht mehr angemessen. Erst in den 80er- und 90er-Jahren habe man den ökologischen Standard gehoben, doch bis dahin gelte: "Jeder Gründerzeitbau weist in der Regel bessere Wärmedämmwerte auf als all die Gebäude, die man vor rund dreißig Jahren hochgezogen hat."

Warm anziehen ist daher angesagt, denn die Bausubstanz aus jüngster Vergangenheit ist nicht die beste. Gerade diese Epoche erfordert eine intelligente Planung von Architektur und Bauphysik, um das Alte auf den heutigen Standard zu heben, ohne finanziell auszubluten. Einen unternehmerischen Vorteil gibt es aber dennoch zu verzeichnen: Denkmalschutz ist für diese Bauten ein Fremdwort. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4.6.2006)

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