Deutsche Bibliotheken gehen auf Beutekunst-Spurensuche

1. Juni 2006, 14:57
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Berliner Zentral- und Landesbibliothek berichtet von ersten Rückgaben

Berlin - Die deutschen Bibliotheken gehen jetzt in den eigenen Beständen verstärkt auf die Suche nach Büchern, die von den Nationalsozialisten geraubt worden und bis heute noch unentdeckt geblieben sind. In der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz hat am Donnerstag ein entsprechendes auf 18 Monate angelegtes Forschungsprojekt begonnen. Es trägt den Titel "Beschlagnahmte Bücher - Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945. Aspekte der Literaturversorgung unter der Herrschaft des Nationalsozialismus".

Gleichzeitig will die Berliner Zentral- und Landesbibliothek am 12. Juni Projekte und Ergebnisse ihrer Spurensuche nach in der NS-Zeit geraubten und enteigneten Büchern in Berliner Bibliotheken vorstellen. Sie hatte schon in den vergangenen Jahren begonnen, ihre Bestände zu überprüfen und dabei nach eigenen Angaben die Übernahme einer großen Anzahl von Büchern nicht nur aus jüdischem, sondern auch aus enteignetem sozialdemokratischen oder gewerkschaftlichen Eigentum im Dritten Reich nachweisen können. Inzwischen seien bereits erste Rückgaben erfolgt, hieß es.

Mögliche Rückgaben

Die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz will mit der interdisziplinären Studie die Rolle der Bibliotheken in Deutschland in der NS-Zeit beim Erwerb geraubter Bücher und ihre Verstrickung in die so genannte "Reichstauschstelle" für Bücher untersuchen. Dabei soll es auch um die Möglichkeiten gehen, die geraubten Bücher wieder den rechtmäßigen Eigentümern oder ihren Erben zurückzugeben. Mit diesem Projekt verbindet die Staatsbibliothek zu Berlin auch die Hoffnung, "Einsicht in kriegsbedingt verlagerte Erwerbungsunterlagen der Preußischen Staatsbibliothek zu erhalten, die seit 1945 in polnischen Archiven lagern".

Profit

Von den NS-Raubgütern profitierten etliche deutsche Bibliotheken, Archive und Museen. Bis heute lagern vermutlich noch viele Bücher unentdeckt in Magazinen, vermuten Experten. 1999 hatten sich Bund, Länder und Kommunen in einer gemeinsamen Erklärung zum Ziel gesetzt, dieses Raubgut zu ermitteln und an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. So hatte die Berliner Staatsbibliothek im vergangenen Jahr von einem größeren Bücherfund berichtet, der eindeutig als nationalsozialistisches Raubgut identifiziert werden konnte. Darunter befinden sich auch mehrere Druckschriften, die mit großer Wahrscheinlichkeit aus der als verschollen geltenden Privatbibliothek des Rabbiners und Theologen Leo Baeck (1873-1956) stammen. (APA/dpa)

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